Große Kreuzung

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Als sie den Kreuzungspunkt der beiden Hauptstraßen erreichten, horchte Laiká auf. Nicht weit entfernt drangen Melodien an ihr Ohr, Flöten, etwas das so ähnlich klang wie eine Oud, und Trommeln, die den Takt der Musik untermalten. Noch ein Instrument spielte die Begleitung zur Flöte, nur erkannte Laiká nicht ihren Klang. „Rost!“ Sie hielt ihren Begleiter am Arm fest und blieb stehen. „Hörst du das?“ Sie wartete darauf, dass das unbekannte Instrument wieder einsetzte. „Das! Was ist das?“
      "Das? Straßenmusikanten oder wandernde Musiker, würde ich vermuten", sagte er nach einem prüfenden Blick und wandte sich dann Laiká zu. "Was ist los? Wolltest du nicht zu der Schmiede?"
      „Ich weiß, dass das Musiker sein, ich mein...das.“ Sie zeigte in die Luft, als der fremde Klang wieder spielte. Hin und her gerissen blickte sie in Richtung der Musik, dann die Straße hinab. „Gehen wir zu Schmied und wenn dann fertig, kommst du mit zu Musik, wenn noch da?“
      "Das ... ist ein Streichinstrument. Eine Fiedel", warf Rost noch nachdenklich ein ehe er ihrer Frage nachkam. "Wenn sie dann noch da sind, können wir das machen", stimmte er dann beiläufig zu.
      „Fidl“, wiederholte Laiká. Schon wieder ein Wort gelernt!
      Sie gingen weiter die Straße hinab, bis sie das große Holzschild in Form eines Amboss erblickten, das über einer geschlossenen Tür hing. „Oh.“ Leicht enttäuscht drückte Laiká gegen den gusseisernen Türknauf, doch der ließ sich nicht öffnen. Kein Licht brannte hinter den Schlitzen der geschlossenen Läden und auch sonst konnte man kein Geräusch dahinter vernehmen.
      „Zu. Schade. Dann morgen.“ Sie hüpfte die Stufen herunter. Na so blieb ihnen immerhin noch genug Zeit der Straßenmusikanten zu lauschen. Sie starrte noch einmal fest auf das Gebäude, um sich den genauen Standort der Schmiede zu merken, dann machten die Beiden sich auf den Rückweg zum Kreuzungspunkt, von dem aus man die Musik ganz nah hören konnte.
      „Da, ich sehe!“, rief Laiká aufgeregt, als sie in einer Seitenstraße eine Ansammlung bunt gekleideter Anwohner entdeckte, die sich zur Musik bewegten und im Takt in die Hände klatschten. „Komm, komm!“ Sie winkte Rost mit einem breiten Lächeln zu und lief schließlich auf die Menge zu. Sie liebte Musik, auch wenn sie selbst kein Talent dafür besaß. Als Chalid wuchs man mit den Klängen der nächtlichen Lagerfeuerlieder auf, man tanzte in der Gemeinschaft sobald man in jungen Jahren stehen konnte und huldigte in Gesang und Bewegung der Großen Mutter beim monatlichen Shima'ajien. Auch wenn diese Musik anders erklang, so berührte sie dennoch Laikás Herz und brachte ihre Zehen zum wackeln. Die Töne klangen hier viel sanfter, nicht so aufgeregt und schelmisch wie das Feuer der Gerudos, eher wie fließenden Wasser oder Regen. Sie konnte es nicht richtig beschreiben, genau wie das Essen zuvor, es war einfach...anders. Ein schönes Anders.
      Auch die Leute, die sich um die Spielgruppe versammelt hatten, bewegten sich in fremden Bewegungen zur Melodie. Nein – nicht ganz fremd. Laiká kannte diese Schritte und die Drehung da. Und wie der Mann die Frau an den Händen fasste und sie gemeinsam tanzten, was bei den Gerudos so nicht praktiziert wurde, das kannte sie auch! Vage erinnerte sich Laiká an das letzte Shima'ajien ihres Clans, als sie ihre Mutter gefragt hatte, ob die ihr einige Sachen zeigen konnte um dann mit Rost tanzen zu können. Oh Göttin, wie war das nochmal...

      „Wichtigste Lektion: Der Mann führt. Ich übernehme diese Rolle. Die Frau muss sich führen lassen, sie gibt ihre Dominanz ab. Das wird schwer für dich sein, aber so funktioniert es.“
      „Äh gut?“ Laiká fand das zwar komisch, nahm sich aber fest vor dies einzuhalten.
      „Dann schau nicht auf deine Füße. Bewege die Hüfte nicht so stark. Fühle die Bewegungen des Mannes, spüre den Druck seine Hände und lass dich von ihnen mitreißen. Nicht mitschleifen! Er soll dich nicht hinter sich herziehen, daher ist das Üben der Schritte auch wichtig, um in Einklang zu tanzen.“ Locta trat einen Schritt nach vorne. „Du bist wie ein Spiegel. Gehe ich nach vorne, gehst du zurück. So.“


      Na ob sie sich jetzt noch an die einzelnen Schritte erinnerte...Laiká bezweifelte es. Aber dennoch juckte der Ehrgeiz in ihren Fingern. Noch stand sie leicht abseits der Menge, klopfte mit dem Fuß vom Takt ergriffen auf den Boden und bewegte leicht den Oberkörper dazu, sobald wieder die Flöten begleitet von der Fidl ihr Spiel aufnahmen. Die Melodie lud geradezu zum Tanzen ein, die Finger der Musikanten flogen förmlich über das Holz und die Töne, die die Luft erfüllten klangen wie das muntere Lachen eines Kindes. Hylianische Musik mochte zwar anders klingen, doch gleichsam fröhlich und lebhaft.
      Laiká wollte tanzen.
      „Es ist so schön“, rief sie Rost zu, der endlich zu ihr aufschloss.
      Rost lächelte leicht, warf erst ihr, dann den anderen Leuten mit dem Kinn einen Blick zu.
      "Dann geh doch hin", schlug er ihr vor. "Vergiss nur nicht, den Musikanten nachher ein paar Rubine in den Hut zu werfen", fügte er rasch, aber bloß beiläufig hinzu. Erstaunlich wie er erpicht versuchte beiläufig zu bleiben.
      Laiká wibbelte leicht auf der Stelle. Sollte sie ihn jetzt fragen? Aber er wirkte nicht sonderlich von der Musik hingerissen. Erneut blickte sie zu den anderen Tanzenden, die sich zu zweit lachend im Kreis drehten. Sie fasste sich ein Herz.
      „W-willst du tanzen?“, fragte sie Rost während sie auf die Paare deutete. Es sah nach so viel Spaß aus.
      "Äh", machte er dann, wirkte jedoch zögerlich. "Nein, geh du ruhig und reih dich einfach ein. Mein Bauch ist noch voll, und außerdem tut mir der Rücken weh von den Wehrangriffen der Gerudo vorhin", wich er rasch aus.
      „Oh.“ Sie versuchte erst gar nicht ihre Enttäuschung zu verbergen. „Ich kann hylianisch tanzen, hab gelernt“, fügte sie in der Hoffnung hinzu, er würde seine Meinung ändern.
      "Wann denn? An dem einen Abend bei dem Feuer?", er schüttelte den Kopf und lächelte spöttisch, wenn auch nicht boshaft. "Geh nur, ich bleibe hier und schaue zu."
      „Na gut.“ Sie ließ den Kopf leicht hängen, wollte sich davon aber nicht die Stimmung dämpfen lassen.
      Die Musikanten hatten ihr Spiel unterbrochen und gingen nun mit einem Hut die Reihen der Zuhörer entlang, die begeistert Rubine hinein warfen. Auf Rosts Rat hin quetschte sich Laiká sogleich durch die Menge, um es ihnen gleich zu tun. Die wenigen Rubine, die sie zuvor von der Wache erhalten hatte, fanden einen neuen Besitzer. Der Mann mit dem Hut lächelte ihr entgegen und senkte dankend den Kopf. „Spielt doch noch mal“, bat Laiká ihn erwartungsvoll. Die Frauen um sie herum, die sie zuvor mit abschätzigen Blicken gemustert hatten, stimmten nun mit hellen Stimmen zwitschernd in ihre Bitte ein.
      „Wie spielen die ganze Nacht“, antwortete der Musikant mit beschwichtigender Stimme. „Habt ihr gehört, Jungs“, wandte er sich vergnügt an seine Freunde, „die Damen wollen Musik. Spielt auf!“ Er leerte die Rubine des gefüllten Hutes in einen Beutel, setzte ihn sich wieder auf das lockige Haar, ehe er zur Fidel griff und den Anderen das Zeichen zum Start gab. „Auf auf, ihr lust'gen Leut. Rafft die Röcke und zieht den Hut, wir spielen bis die Sonn' aufgeht. Lasst den Boden erbeben und die Wangen erglüh'n, denn heute feiern wir alles, was sich zu feiern lohnt. Holt Bier und Wein, entzündet die Feuer und schnappt euch ein Weib zum Tanz. Los geht's!“ Und die Seiten der Fidel begannen zu singen.
      Schon bald gesellten sich immer mehr Leute dazu, die von der Musik angelockt wurden. Die Wirte der Gasthäuser stellten Tische vor das Haus, rollten Fässer aus dem Keller und priesen mit lauter Stimme ihr Bier an, das zu gern unter dem klaren Nachthimmel getrunken wurde. Die Luft war angenehm kühl, der Himmel wolkenlos. Die Wachen, die den Trubel anfangs mit skeptischen Augen beobachtet hatten, stimmten schließlich in den Gesang der Menge ein. Auch Laiká ließ sich von der Fröhlichkeit mitreißen, auch wenn sie die vielen Lieder nicht kannte, dafür tanzte sie umso mehr. Zunächst versuchte sie die Schritte der hylianischen Frauen nachzuahmen und tatsächlich fand sich auch bald ein Mann, der sie mit fester Stimme und grimmigem Gesicht zum Tanz aufforderte. Laiká kannte ihn aus dem Gasthaus, in dem sie übernachtete, in der letzten Nacht hatte sie einige Becher mit ihm gehoben. Er hatte wohl eine Wette verloren oder wollte sich vor seinen Kameraden beweisen, indem er mit einer kriegerischen Gerudo tanzte, doch zum Glück besaß er darin so wenig Geschick wie Laiká, sodass ihre eigenen Fehler durch seine aufgewogen wurden und es nicht auffiel, wer hier eigentlich schief tanzte. Am Ende traten sie sich gegenseitig lachend auf die Füße und gingen dazu über einfache Kampftechniken zu Tanzschritten umzuformen. Als der Krieger damit aus Versehen seinen Freund mit der Faust ins Gesicht schlug, hörten sie schnell wieder auf damit. „Aber Gerudo“, sprach der Mann, Karok war sein Name glaubte sie, „ihr könnt doch gut tanzen, oder? Zeig mal wie man bei euch tanzt.“
      „Ja, schwing die Hüfte!“, rief ein weiterer Kamerad. „Zeig mal, wie man das in der Wüste macht.“
      „Ich hab gehört die Tanzen sogar mit ihren Schwertern“, warf ein Anderer ein.
      „Na komm schon“, forderte Karok sie erneut auf und klopfte ihr auf die Schulter.
      Laiká mochte den Ton nicht, in dem er das von ihr verlangte, als wäre sie ein Hündchen, das ein Kunststück vorführen sollte. „Ey, mal langsam“, entgegnete sie daher mit stoischer Stimme, „wenn ich tanzen, dann müsste ihr auch. Ich mach vor, ihr macht nach, ja? Das wird lustig.“
      Ein unschlüssiges Murmeln kam als Antwort. Die Männer guckten lustlos einander an.
      „Kommt schon, Jungs“, versuchte Laiká sie von der Sache zu begeistern.
      „Ich bin dafür“, erklang da eine dunkle Stimmung von hinten. Grahag trat an sie heran, seine große Gestalt überragte die Männer um einiges und in seinen tief liegenden Augen spiegelte sich das Feuer der Laternen wider . „Muntere Runde haben wir hier, he? Schöne Musik und schöne Frauen. Denen müsst ihr auch was bieten, Jungs.“ Er grinste hämisch. „Geht da hin und tanzt mit der Gerudo.“
      Triumphierend schnalzte Laiká mit der Zunge bevor sie die Männer hinter sich her winkte, näher an die Musikanten heran. Die Menge teilte sich, um den mürrisch dreinblickenden Kriegern Platz zu machen, die weiterhin wie eine wachende Mutter von Grahag beobachtet wurden.
      Laiká kniff Karok in die Wange und lächelte aufmunternd. „Nicht so fies gucken, wir haben doch Spaß. Hört auf Musik und schaut zu. Ist ganz einfach. Musst nur mit Melodie sein.“ Sie tat eine schnelle Drehung, führte dabei mit einer Hand den Stoff ihres langen Rockes, während sie die andere in die Luft hob. „So machen wir in der Wüste!“
      Dann tanzte sie. Zunächst passte sie ihre Schritte der Musik an, dann bemerkte sie, wie die Melodie immer lebhafter wurde. Die Spielleute hatten sie scheinbar entdeckt und kamen ihr nun in ihren Bewegungen entgegen.
      Mit dem Feuer ihres Volkes im Herzen und dem Takt in den Hüften vollführte Laiká einen beliebten gerudischen Tanz ihres Clans, mit dem stets das Shima'ajien eingeleitet wurde: Mu'ahn naqa walida – die Umarmung der Mutter. Es symbolisierte die Verbundenheit zur Göttin, die Dankbarkeit für das Leben und ihre Liebe. Sie drehte sich, warf ihre langes Haar, spielte gleichzeitig mit dem Stoff ihres Rockes, versuchte dabei jedoch auch die ausladenden Bewegungen der Hüfte nicht ganz so...ausladend zu gestalten, so wie ihre Mutter es ihr geraten hatte. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie die peinlichen Anstrengungen der Männer ihren Tanz nachzuahmen, was ihnen viel Gelächter einbrachte, aber auch die Blicke der brüskierten Frauen minderten, die angefangen hatten ob ihrer obszönen Bewegungen zu tuscheln. Zumindest manche, andere betrachteten den Tanz eher neugierig, versuchten ebenfalls die Arme so in der Luft zu führen, klatschten freudig zur Musik oder störten sich gar nicht erst an dem Aufruhr.
      Laiká ließ sich in ihrer Ruhe nicht stören. Im Moment fühlte sie sich ihrer Heimat sehr verbunden und genoss einfach nur die Musik. Als diese endete, verharrte sie einige Sekunde in ihrer Pose, ehe sie schwer atmend und lachend in die Hände klatschte, bevor sie den Musikanten noch einige Rubine zum Dank in den Hut warf.
    • Ein wenig bereute er es, sich dem bunten Gemenge nicht angeschlossen zu haben. Das fröhliche Schallen der Musik ging ihm ins Blut, sodass er ganz unauffällig mit der Hacke im Takt wippte, und die rotwangigen, heiteren Gesichter bescherten ihm ein warmes Gefühl im Magen. Auch wenn das Bier natürlich sein Übriges dazu tat. Es war das erste Mal, dass er Leute seines Volkes in seiner Heimat so ausgelassen erlebte. Die Melodien kamen ihm bekannt vor, und Rost musste das Aufbegehren eines sehnsüchtigen Gefühls unterdrücken.
      Misstrauen und auch Verhaltenheit hielten ihn davon ab, sich in die Reihen der Tänzer zu begeben. Er hatte das Schwert an der Hüfte, den schweren Sack mit den Leuchtsteinen auf dem Rücken, und sein Bauch war zum Bersten voll von dem guten Essen. Da behagte es ihm nicht, die Wertsachen in die Aufsicht von Fremden zu geben, um sich zu vergnügen, und im Moment war er zu voll und zu angetrunken, um Hoffnung zu hegen, jemandem nachsetzen zu können, sollte was passieren. Vorsicht war besser als Nachsicht, doch auch wenn Rost sich angewöhnt hatte, nach dem Prinzip zu leben, bölkte ein Stimmchen in seinem Hinterkopf ziemlich eindringlich, dass man auch mal Ausmachen machen durfte. Doch, nein. Das Fleisch war ziemlich willig, aber zu guter Letzt doch schwächer als der Geist. Also begnügte er sich damit, am Rand zu stehen, ein kaltes Bier zu genießen und zuzuschauen, und stellte dabei fest, dass sich mindestens genauso lohnte. Neben ihm schunkelten Männer, Röcken flogen und Hände klatschten, und die Musikanten pfiffen und spielten zum Tanz auf. Laiká bewies mit Bravour, dass sie die Gesellschaft, die er ihr verwehrt hatte, gar nicht brauchte, um sich einen Spaß zu machen, und zudem noch ein kleines Spektakel zu veranstalten. Sie mischte sich unter die Leute, tanzte erst wie die anderen, wobei sie nichtmal eine allzuschlechte Figur machte, und schließlich im Stile ihres Volkes, und ganz wie erwartet brachte ihr dies überraschte, und auch brüskierte Blicke ein. Rost lächelte leise vor sich hin, auch wenn er selbst ein wenig verlegen dabei wurde. Die Art ihres Tanzes hatte er in der Wüste ein paar Mal gesehen, ganz selten in Qurjin, dann später beim Stamm der Chalid. Die Bewegungen waren für Hylianische Standards aufreizend, und selbst in den verhüllenden Kleidern und mit den nicht ganz so auslandenden Bewegungen verfehlte es nicht seine Wirkung. Aufmerksam behielt Rost daher die Umstehenden im Auge, zumindest halb. Da sie eine Gerudo war, musste er nicht befürchten, dass die besoffenen Kerle ihren Tanz als Einladung verstanden, um unsittlich zu werden – und falls doch, würden sie den Fehler bitter bereuen. Nicht den Wachhund zu spielen, schien Rost in so einer Situation seltsam befremdlich; zwar war das angenehm, man war nicht so angespannt, andererseits hatte man auch nichts Besseres zu tun, als selbst hinzustarren - was zur Folge hatte, dass er irgendwann vor lauter Verlegenheit in seinen Bierkrug starrte. Berstendes Gelächter holte ihn zurück, und er sah, wie ein Haufen grober Kerle versuchte, Laikás Bewegungen nachzuahmen, und dabei eine solch ulkige Statur machte, dass auch Rost nicht anders konnte, als laut zu lachen. Krüge wurden angestoßen, und die Menge tobte. Ein junger Kerl neben ihm schmachtete ziemlich trunken darüber, dass er auch gern mit der Gerudo tanzen würde, und seine Kameraden ermutigten ihn, doch trauen tat er sich letztlich nicht, und Rost hob ob des belauschten Gesprächs bloß beide Augenbrauen, und lächelte trocken.

      War auch besser für ihn. Nachher bekam er eins auf die Mütze, oder machte sich lächerlich. Ein Leid, das er den meisten männlichen Vertretern seines Volkes nicht wünschen wollte. Gerudos waren stolz, die tanzten nicht mit je … Moment. Aber Laiká tanzte doch gerade mit jedem? Und sie wartete auch nicht darauf, aufgefordert zu werden oder genierte sich aufgrund von Aufzug oder Erscheinung. Mh. Rost war ein wenig verwirrt, und merkte dabei, dass er sich nie groß Gedanken darüber gemacht hatte. Die meisten Gerudos, die er kennen gelernt hatte, sahen einen nicht einmal an, wenn man es in ihren Augen nicht verdient hatte, egal wer oder was man war. Doch Laikás Stamm war da schon anders gewesen, und Laiká selbst ... eigentlich wusste er es gar nicht recht. Die hatte immer nur von ihrem König gesprochen. Und dann hatte es da zwischen ihnen beiden noch so ein paar Momente gegeben, bei denen er sich aber nicht sicher war, ob die ernst gemeint waren, oder nicht. Und dann hatte sie vorhin im Gasthof auch noch die Schankmaid angeschmachtet. Rost furchte beklommen die Stirn und sah zu dem schwärmenden Hylianer hinüber.

      Ich wüsste nicht mal, welchen Rat ich dir da geben könnte, Bruder, sagte er in Gedanken zu dem Fremden, beließ es jedoch dabei. Als das Lied verklungen war, und Applaus die Gassen füllte, warf Laiká den Musikanten Rubine in den Hut, und schloss wieder zu ihm auf. Ein wenig unschlüssig, was zu tun war, räusperte sich Rost und sah sie dann mit erhobener Augenbraue an.
      »Na, schon genug?«, fragte er sie leicht neckisch und hielt ihr seinen Humpen hin, damit sie sich erfrischen konnte.
      Sie lachte hell, nahm das Getränk entgegen und trank gierig ein paar Schlucke. "Was für Spaß!"
      »Hat man gesehen, sah gut aus«, meinte Rost und nickte mit dem Kinn zu den Männern, denen sie versucht hatte, die Tanzschritte beizubringen, und grinste leicht. »Willst du noch bleiben, oder weiterziehen?«
      »Danke.« Sie blickte sich um. »Wollen wir noch sitzen und trinken?« Sie deutete auf eine Reihe gedeckter Tische, die vor einem Gasthof aufgebaut wurden.
      »Sicher, wieso nicht«, stimmte er ihr zu, und ging dann voran, um ihnen einen Platz zu suchen. Er bot ihr wie zuvor einen Platz an und bestellte ihnen dann was zu trinken. Während er sich es sich bequem machte, und seinen Blick über die Menge der geschäftigen oder feiernden Leute schweifen ließ, sagte er schließlich ein wenig versonnen: »Will man gar nicht meinen, dass anderswo Krieg tobt, wenn man sowas hier sieht, hm?«
      Laiká folgte seinem Blick, den Kopf auf ihre Hände gestützt. »Nein, wirklich nicht. Aber ich finde das schön. Auch wenn Krieg ist, lassen Leute nicht ihre Freude nehmen. Hier ist nicht so kaputt und dunkel wie ich gedacht. Menschen hier feiern immer noch leben.« Sie stutze kurz. »Und Hylianer. Und Fische äh Sora. Leute eben.«
      Sie hatte recht, und doch würden sie nicht überall solche Erfahrungen machen. Doch was brachte es, ihr das unter die Nase zu reiben? Er glaubte nicht, dass sie so naiv war, anzunehmen, dass sie von nun an nur lachende Gesichter und gepflegte Häuser zu sehen bekommen würden. Und falls doch, dann würde sie von selbst eines Besseren belehrt werden. Man konnte sich vielleicht fragen, weshalb es hier überhaupt so heiter und gelassen zuging, doch die Erklärung war ernüchternd einfach; die große Kreuzung war einer der größten Umschlagsplätze des Reiches, und zudem mit allen wichtigen Handelswegen verbunden, die in alle Himmelsrichtungen reichten – selbst bis zur Wüste. Das Geschäft hier florierte trotz und wahrscheinlich sogar insbesondere ob der Knappheit an anderen Orten, und diesen Knotenpunkt hier anzugreifen oder zu besetzten, würde wahrscheinlich die Dinge vorerst eher komplizierter als ertragreicher machen, das würde wohl auch ein Dämonenkönig erahnen können - oder seine Handlanger. All das hier; das friedliche Treiben und die Arglosigkeit war kaum mehr als ein Zugeständnis. Eine Illusion, wenn man es so wollte. Doch sie waren nicht hier, um Trübsal zu blasen. Rost wechselte das Thema.

      »Apropos Leute. Ich schätze, wenn wir uns morgen mit Narika und Quin treffen, wird es eine Entscheidung geben, was die Weiterreise anbelangt. Ich weiß nicht, wie eilig die beiden es haben, aber vielleicht wird es knapp werden, wenn wir die Schmiede morgen nochmal aufsuchen. Immerhin braucht so eine Reparatur eine Weile, zumal ich annehme, dass ein Schmied dieserorts gut besucht sein dürfte. Vielleicht müssen wir die Reparatur deiner Säbel auf einen anderen Ort verlegen«, überlegte er schließlich weiter.
      »Oh. Mh.« Laiká verzog kurz den Mund. »Ja ist so. In Hyrule geben ja viele Dorfer, oder? Dann ja viele Schmiede, bestimmt mehr als in Wüste. Finden schon anderen.«
      »Stimmt schon«, gestand er. »Aber lange bummeln sollten wir damit nicht. Auf dem Weg über die Steppe sollten wir gut ausgerüstet sein«, sprach er mit der Stimme der Vernunft, doch sein Ernst legte sich ein wenig, als man ihnen die Getränke brachte. Er stieß mit Laiká an.
      »Nebenbei. Bleibst du heut' Nacht nochmal in der Spelunke da?«
      »Wo?« Verwirrt setzte sie den Humpen ab.
      »Na, in dem Gasthof von gestern«, half er aus.
      »Ah. Ja schon. War wenig Rubine. Wie hast du das gesagt? Spelurt?«
      »Spe-lun-ke. Das macht man hier zu einem Gasthof, der eher heruntergekommen ist. Nicht schön. Nicht sauber. Seltsame Leute«, erklärte er mit einfachen Worten.
      Laiká hob einen Zeigefinger. »Aber wenig Rubine. Ich kann aber auch da schlafen, wo du schlafen hast. In welcher Haus bist du?«
      »Wenig Rubine heißt nicht immer, dass es deshalb gut ist«, meinte Rost trocken, räusperte sich dann aber und sah zur Seite. »Ich habe auf dem Heuboden im Stall geschlafen. Kein Zimmer also, war aber ziemlich bequem, bis … na ja.«

      »Was?« Sie führte sich den Humpen an den Mund, während sie ihn interessiert anblickte.
      »Nun«, Rost merkte, wie seine Ohren ein wenig warm wurden. »Also, ich hatte mich halt dort hingelegt. War auch schön und ruhig und so weiter. Aber dann sind irgendwann Leute reingekommen. Also ein Mann und eine Frau, wer genau, habe ich nicht gesehen, die mich auch nicht, schätze ich. Und, nun, die haben dann halt, du weißt schon.«
      »Was weiß ich?«
      Rost furchte die Stirn. »Na, was wohl?«, brummte er. »Was könnten 'n Kerl und ein Mädel mitten in der Nacht heimlich auf einem Heuboden tun, hm? Sicherlich nicht Karten spielen.«
      Laiká blickte ratlos dreinblickend zur Seite. »Ich weiß doch nicht, was Hylianer in Stall machen. Ich bin so gar nicht in Stall.« Dann verengte sie die Augen, blickte wieder zu Rost und versuchte scheinbar ein Grinsen zu unterdrücken. »Oh. Ah. Ja, das sein dann wohl Hylianervergleich zu Sache in Proviantzelt.«
      »Proviantzelt?«, fragte er nun ganz verwirrt seinerseits.
      »Na, da war ich immer mit Jamil, wenn wir Spaß hatten.«
      Jamil? Kurz musste er überlegen, doch dann fiel es ihm wieder ein. Das war die Gerudo aus Laikás Stamm gewesen. Ihre giftige Art hatte ihrer Schönheit leider in nichts nachgestanden. Und mit der … na ja, wie auch immer.
      »Ah«, machte Rost, und versuchte, sich möglichst gelassen zu geben. »Na … dann. Dann weißt du ja, weiß ich meine. War jedenfalls nicht der beste Umstand, um Schlaf zu finden«, erklärte er bündig.
      »Stimmt. Da lenkt man schnell ab und denkt an was. Armer Rost.« Sie lehnte sich über den Tisch und tätschelte ihm kurz am Arm. »Dann such du jetzt anders Haus für Schlafen aus.«

      Armer Rost? Denkt an was? Die machte sich doch lustig über ihn … Dass man sich solcher Dinge schämte, war viel weniger das Problem, als dass diese beiden es die halbe Nacht getrieben, und den Tiergeräuschen im Stall dabei Konkurrenz gemacht hatten. Er sah sie ein wenig grimmig an.
      »Nee«, sagte er schließlich. »Ich werde den Stallmeister einfach fragen, ob ich noch eine Nacht dortbleiben kann, und diesmal ein Schild hinhänge oder so. Mir gefiel es da, aber ich war nicht darauf vorbereitet. Am Ende hätten die gedacht, ich wäre vielleicht ein Gauner und hätten sich erschreckt, und was weiß ich.« Außerdem war die Frau sicherlich nicht bekleidet gewesen, und sie da zu überraschen und zu sehen, schien ihm ziemlich unangebracht.
      Laiká hob amüsiert eine Augenbraue während sie den Rest ihres Bechers austrank. »Schläft gut in Heu?«
      Meine Herren, die verträgt aber einen Stiefel, dachte Rost dabei und fragte sich, wie viel sie mit dem riesigen Krug Met eigentlich schon getrunken hatte. Er zuckte leicht die Achseln.
      »Ist vielleicht nicht jedermanns Sache«, gestand er. »Es ist weich und trocken und man sackt schön ein. Aber es kann auch ziemlich pieken. Mich stört das nicht. Außerdem mag ich den Geruch.«
      »Mmh kann ich da auch schlafen?«
      Er war ein wenig überrascht, hatte eher gedacht, dass sie so eine Beschreibung abschrecken würde.
      »Willst du das dann? Aber da sind auch ganz viele Tiere, unten drunter direkt die Pferde, und vielleicht krabbelt dir sogar eine Maus oder ein Käfer über's Gesicht«, warnte er sie vor.
      »Klingt lustig und so, als muss ich mal machen. Für das richtig hylianische Gefühl. Eine Nacht im Stall, das mag ich probieren.«
      »Äh«, machte er ein wenig unschlüssig, denn ob das nun typisch Hylianisch war, mochte er bezweifeln. Er nickte dann aber und leerte sein Bier. »Gut, dann komm halt mit. Genug Platz sollte da sein.« Er hob einen Finger. »Wenn da aber wieder welche mitten in der Nacht reingeplatzt kommen, jagst du sie weg, abgemacht?«
      Sie kicherte leise. »Versprochen.«
      »Gut«, sagte Rost, und nickte zufrieden.

      Eine Weile blieben sie noch, auch wenn sie längst ausgetrunken hatten, und Rost genoss die laue Abendluft. Als sie zurück zu den Ställen gingen, grüßte derselbe Mann sie, den er auch am Abend zuvor getroffen hatte und der so großzügig war, ihm Obhut zu gewähren. Er wusste nicht, ob er das auch ein zweites Mal tun würde, schließlich hatte Rost ja nun scheinbar keinen Grund mehr. Als er die beiden Ankömmlinge bemerkte, grüßte er sie freundlich und lächelte Rost dann über seinen breiten Schnauzer hinweg wissend an.
      »Hoh, ich sehe, man hat wohl wieder zusammengefunden, hm?«, brummte der Mann amüsiert, ehe er ganz ungeniert fortfuhr: »Soll es weitergehen? Ihr wisst aber, dass es nicht ungefährlich ist, bei Nacht zu reiten, hm?«
      Rost, dem das Ganze gerade ziemlich peinlich war, ignorierte die Bemerkung und zwang sich zu einem freundlichen Grinsen, das aber mehr gewollt als gekonnt daherkommen musste.
      »Also, eigentlich wollten wir noch bleiben«, erklärte er verlegen. »Als meine Freundin hier erfahren hat, dass ich ihm Heu übernachtet habe, kam sie auf die Idee das auch zu probieren, deshalb habe ich gedacht, ich frage mal unverbindlich. Nur falls das keine Umstände macht, und selbstverständlich gegen Bezahlung.«
      Der alte Mann sah zwischen den beiden hin und her, rückte erstaunt seinen Hut gerade und lachte kurz, ehe er verschwörerisch grinste.
      »Vielleicht sollte ich mir mal überlegen, ob ich das nicht ganz offiziell anbieten will. Ist nur ein bisschen kompliziert, falls was passiert, wegen den Tieren, wisst ihr ja sicher. Aber ich will mal ein Auge zudrücken und ein bisschen Milchgeld soll mir recht sein, aber für eine Übernachtung auf dem Heuboden gibt es ja keinen Kammerdienst, von daher reden wir darüber, wenn ihr abreist«, erklärte er den Beiden, machte jedoch kein weiteres Aufhebens drum, und brachte sie ganz diskret zum Stall, während er Rost immer wieder väterlich-gratulierende Blicke zuwarf, die er am liebsten mit gefurchten Brauen erwidert hätte - doch er unterließ es, das sorgte nur für Verwirrung. Im Stall angekommen führte der Wärter sie noch bis zur Leiter. Hier war es ziemlich dunkel, und Lampen waren nicht erlaubt wegen der Feuergefahr und damit die Tiere Ruhe hatten, doch das Licht der Straßenfackeln und – laternen schien noch von draußen durch Spalte hinein. Der Alte verabschiedete sich und ließ sie allein. Rost ging vor, erklomm die Leiter zum Heuboden und half Laika noch beim letzten Stück, ehe er sich schließlich streckte und dann zu ihr sah.
      »Da wären wir.«
    • Laiká hatte viel zu viel getrunken. Dieser hylianische Met schmeckte ihr sehr gut, aber da es milder in Geschmack und Stärke als die gerudischen Getränke war, merkte sie zu spät, dass sie zu schnell ihre Grenze überschritt und das bereits an zwei Abenden hintereinander. Daher zeigte sie sich dankbar, als Rost ihr die wackelige Holzleiter hoch half, denn alleine hätte sie die Sprossen sicherlich nicht gefunden. In ihrem Kopf drehte sich alles, zudem kehrte das unangenehme Pochen vom Morgen zurück. Der Alkohol, der wilde Tanz und der volle Magen vertrugen sich nicht sonderlich gut, doch vom Schwindel abgesehen verspürte sie zum Glück nicht das Verlangen den leckeren Braten auf anderem Wege loszuwerden. Zumindest noch nicht, aber sie wollte es nicht darauf ankommen lassen. Also besser schnell hinlegen.
      In der Scheune war es dunkel, von draußen schien nur fahles Fackellicht durch die Ritzen zwischen den Brettern hindurch, das die die großen Strohhaufen beleuchtete. Es roch stark nach Tier von unten her, das Heu jedoch gab einen eher angenehmen Geruch ab. Die gedämpfte Musik von der Straße wurde nur vom Scharren der Hufen unterbrochen. Laiká drehte sich zur Leiter um und beugte sich leicht vor, um auf die Rücken der Pferde zu schauen, krallte sich jedoch schlagartig wieder an Rost fest, als der Boden unter ihren Füßen anfing zu schwanken. Der erhellte Eingangsbereich des Stalls kam ihr plötzlich vor wie die Schlucht eines Berges, entfernte sich immer weiter vom Blick, während sie das Gefühl überfiel auf einem Hochseil zu balancieren, das jederzeit zu reißen drohte. Sofort stolperte sie von der ungeschützten Kante fort, doch Rost, in dessen Wams sich noch immer ihre Finger gruben, hielt sie fest, damit sie nicht umfiel. „Aa-aah“, stotterte Laiká überrascht, legte sich dabei die Faust vor den Mund, um das Essen wieder hinunter zu drängen. „Tschuldigung.“
      "Was machst du denn? Nicht runterfallen", meinte Rost, scheinbar halb ernst, halb amüsiert, und fasste sie an beiden Schultern.
      „Ich weiß nicht.“ Erneut wagte sie einen Blick über die Leiter, bereute es jedoch sofort, da wieder ein kalter Schauer sie überkam. „I-ich kann da nicht gucken. Ich – ah nein geht nicht.“ Sie wandte der Kante schnell den Rücken zu und konzentrierte sich stattdessen auf Rosts Gesicht, um das unangenehme Kribbeln aus dem Nacken zu bekommen.
      Laiká hatte noch nie Probleme mit Höhen gehabt. Nie. Selbst als die Gerudofestung um sie herum einstürzte und riesige Drachenkrallen Löcher in die Mauern schlugen, hatte sie keine Angst verspürt durch solch eines einen Blick auf das Ungeheuer zu wagen, das sie angriff. Na gut, da hatte sich schon Angst gehabt. Aber nur vor dem Drachen! Und jetzt bekam sie nur beim Anblick der wenigen Meter hinab weiche Knie. Wütend über ihr peinlichen Verhalten zog die die Augenbrauen zusammen und presste die Lippen aufeinander.
      Rost zog beide Augenbrauen hoch, und wirkte ein bisschen verblüfft. "Na dann schau halt einfach nicht runter, komm", schlug er gelassen vor und führte sie dann mit sanfter Gewalt weiter auf die Empore und fort vom Rand. "Hier ist ja genug Platz. Legen uns einfach etwas weiter hinten hin, dann kann auch keiner runterkullern." Kurz sah er zu ihr hinab. "Wusste gar nicht, dass du Höhenangst hast."
      „Hab ich nicht!“, entgegnete sie sofort laut, biss sich dann jedoch auf die Lippen und senkte die Stimme. „Hatt ich nie, nicht gewusst. Kann nicht sein, ist bestimmt nur zu viel Mett.“ Vorsichtig tastete sie mit dem Fuß den Boden ab. Nicht dass hier irgendwo noch ein Loch war.
      "Meeet", sprach er betont lang und korrigierte sie beiläufig. Sie fluchte immer innerlich, wenn sie ein bereits gelerntes Wort falsch aussprach, freute sich jedoch, dass Rost sie sofort berichtigte. "Mett ist etwas anderes. Aber ja, davon kann einem auch schwindelig werden. Schätze aber, in der Wüste ist es eher eben als bergig. Du bist es wahrscheinlich einfach nicht gewohnt. Macht ja nichts, gibt Schlimmeres", sagte Rost bloß dazu und ließ sie schließlich los, um Tasche, Waffen und Gurte abzulegen und es sich ein bisschen bequemer zu machen.
      Auch Laiká nahm den Gürtel um ihre Hüfte ab, lockerte die Schnürung ihrer Gewandung und löste den geflochtenen Zopf. Ihr Haar reichte mittlerweile weit über den Rücken, es war einfach viel zu lang geworden. Sehr unpraktisch im Kampf. Aber dafür konnte man so tolle Frisuren daraus machen...wenn mal jemand da war, der sie frisierte! Rost wollte ja nie.
      Vorsichtig tastete sie zunächst einen den großen Heuhaufen ab, ehe sie sich darin niederließ und direkt mit dem Hintern versank. „Ooh!“ Es raschelte und piekste, war aber irgendwie lustig. Laiká wackelte wie ein kleines Kind darin herum, lauschte dem Geräusch und brach das Stroh begeistert zwischen ihre Finger. Dann stand sie auf, um sich nochmal ganz hinein zu werfen.
      Rost, der sich dabei das Wams aufknüpfte und sich ebenfalls hingesetzt hatte, sah ihr dabei zu und lächelte leicht. "Scheint dir zu gefallen, hm?"
      „Jaaa!“, rief sie mit einem breiten Lächeln freudig und vergrub das Gesicht im Heu. Das kratzte sehr, aber Laiká hatte Spaß. Erneut wälzte sie sich wie ein glücklicher Hund darin, nahm dann ein Bündel in die Hand und warf es in die Luft. Das Heu verteilte sich im Raum und rieselte wie Asche auf ihre Haare. Das wiederholte sie einige Male, bis sie über und über mit Heu bedeckt war und sogar welches ausspuckte, wobei sie weiterhin hell lachte.
      Rost machte es sich derweil bequem, legte das Wams zu Seite und streckte sich dann auf dem Rücken liegend aus. Sofort nutzte Laiká die Gelegenheit um auch ihn mit Heu zu bewerfen.
      Rost, der aussah, als hätte er gerade eine äußerst gemütliche Position zum Liegen gefunden, pustete sich zunächst bloß das Heu aus dem Gesicht, ehe er fragte: "Was wird'n das?"
      Ein weiterer Heuregen kam über ihn. „Na Heuschlacht, was sonst.“ Laika wühlte bereits nach dem nächsten Stapel. In ihren Augen glitzerte der Schelm und ihre Wange zeigten eine zarte Röte, was in dem wenigen Licht jedoch kaum zu sehen war. Dennoch spürte sie, wie ihr Gesicht heiß wurde. Ob nun vom Alkohol oder der ungewöhnlichen Freude an trockenem Gras konnte sie nicht sagen.
      "Was? Nein. Hey." Unwillig wenn auch rasch hatte Rost sich aufgerichtet und die Hände abwehrend erhoben.
      „Keine Gnade!“, rief Laiká und warf die neue Ladung auf ihn, die jedoch ihre feste Struktur in der Luft löste und ungefährlich zu Boden rieselte. Sie prustete und zupfte sich ein wenig Heu aus ihren Haaren, das sie las zweiten Versuch auf ihn schnippte.
      "Was zum", hatte man ihn noch ungläubig stöhnen gehört, da waren alle übrigen Laute auch schon vom Heu erstickt worden. Rost wedelt mit den Armen, um sich das Zeug aus dem Gesicht zu halten, und pustete dann wild und klopfte sich den Stoff sauber. Schnauben über Schnauben erklang, und sein Kopf sah aus, als wolle er einen Kaktus darstellen. Kaum, dass er das gröbste Gestrüpp losgeworden war, verstummte er, und sah Laiká dann für einen Moment lang mit funkelndem Ernst in den Augen an.
      "Na warte", raunte er mit einem Mal grimmig, und war mit einem Satz auf den Beinen. Mit seinen langen Armen holte er aus und klaubte einen so großen Haufen Stroh zusammen, dass es aussah, als wollte er gleich einen Ballen heben. Mit unbarmherziger Miene hievte er den raschelnden Haufen über den Kopf, trat auf Laiká zu, und warf sie ab.
      „Neeeein“, quietschte sie mit dramatischer Stimme und wedelte sich mit den Armen frei, jauchzte dabei und spuckte gleichzeitig Heu. Vor lauter Lachen war ihr etwas schummrig geworden, sodass sie zunächst tief Luft holen musste, sich dabei ins Heu sinken ließ, Arme und Beine ausgestreckt. Sie sog den Geruch um sich herum ein, schloss die Augen und genoss den weichen Untergrund. Ob sie ab jetzt immer im Stall schlafen konnten? „Das war gute Idee“; seufzte sie leise mit einem Lächeln auf den Lippen.
      "Frechdachs", kommentierte Rost trocken und schüttelte sich danach nochmal. Dann schnaubte er leise. "Schön, dass es dir gefällt. Ist natürlich kein Vergleich zu einer Herberge, aber für mich, hm, wie soll ich sagen? Wirkt vertraut", erklärte er, und wurde gleich darauf wieder ein wenig verhaltener und ruhiger. Unter leisem Knirschen und Rasseln ließ er sich unweit von ihr wieder nieder, blieb aber aufrecht sitzen, während er einen Arm auf das angewinkelte Knie lehnte. Dann fasste er sich an Kopf.
      "Oh man, jetzt habe ich überall diese zwickenden Dinger auf der Rübe", murrte er und fasste sich an den Nacken, um dort den Knoten zu lösen, sodass er sich das Haar entstrubbeln, und die Heuhalme herauspicken konnte.
      Laiká drehte sich auf die Seite. Ihre Augen hatten sich mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt, sodass sie seine Konturen gut erkennen konnte. „Soll ich helfen?“
      "Wär nett, hinten komm ich nicht so gut dran", meinte Rost nach kurzem Zögern.
      „Lass mich machen.“ Sie stand wackelig auf, tapste zu ihm rüber und watete durch das Heu, um sich hinter ihn zu setzen. Behutsam nahm sie seine Haare in die Hand und fuhr mit den Fingern wie ein Kamm dadurch, um die Halme zu erwischen, dabei darauf achtend nicht zu sehr zu ziehen.
      Rost hockte unterdessen bloß unbewegt, und doch recht gelassen da. Zwischenzeitlich hörte man ihn leise seufzen, doch falls es ihm gefallen sollte, so äußerte er das nicht, sondern schwieg bloß eine Weile. Sein Atem ging ruhig, und sein Blick ruhte irgendwo in der Dunkelheit des Stalls.
      "Schade eigentlich", sagte er irgendwann mit ruhiger Stimme, "dass wir morgen schon weiterziehen. Mir gefällt es hier, irgendwie."
      „Mir auch“, stimmte Laiká zu. Sie mochte das Gefühl der Haarsträhnen zwischen ihren Finger, die Wärme, die sein Nacken ausstrahlte und die Ruhe, die sie umgab. Das alles umgab eine sanfte Aura des Friedens. „Hier ist es so anders“, flüsterte sie schließlich. „Aber ich fühle mich wohl. Nicht falsch. Und alles ist so inta...int...interessant. Die großen Häuser, das Holz, das Met, die Musik. Ich kann hier jeden Abend tanzen.“ Sie fuhr mit den Fingerspitzen über seinen Nacken, um sie dünnen Heufasern davon zu wischen. „So viele Leute hier. Und sie sind nicht böse. Sie sind wie du und ich. Wie große Familie. Nicht böse. Leben nur ihr Leben.“ Zögerlich hielt sie inne, der Blick fest nach vorne gerichtet. Etwas in ihrem Kopf fügte sich zusammen. Ein Bild, das langsam Farbe gewann. Sie verstand es. Sie verstand, wovon ihre Mutter immer geredet hatte, wenn sie am Lagerfeuer mit glänzenden Augen von Hyrule erzählte.
      „Aber desweil gehen wir morgen.“, sprach sie mit leiser Stimme weiter. „Das ist gut. Ich...ich will das schützen. Das darf nicht kaputt gehen. Das ist Leben wie jedes andere. Und Leben muss man schützen. Ob nun in Wüste oder in Gras.“
      Das Wichtigste, das Laiká seit ihrer Geburt von ihrem Clans gelernt hatte, war Kha'ila. Familie. So wie ihr Name die Werte von Bestand und Zusammenhalt vereinte, so galt es diesen Kreis des Lebens, den Fortlauf der Generationen und die Traditionen zu schützen. Nicht nur ihre Familie sollte zusammenhalten, jede Familie verdiente dieses Leben. Und gehörten sie nicht alle zur Familie der Göttinnen? Wachte Din nicht genauso über die Hylianer wie über die Gerudos, mit Mahsati an ihrer Seite? Verdienten nicht alle eine Familie, die ihnen Geborgenheit und Schutz schenkte? Alles war verbunden, das lehrte der Clan der Chalid. Warum dann nicht Wüste und Gras? Dunkle Haut und spitze Ohren? Sie alle liebten ihre Mütter, ihre Heimat, ihren Hof. Sie alle lebten und starben unter der gleichen Sonne. Gab es denn wirklich so große Unterschiede zwischen den Völkern, dass Tod und Zerstörung unter ihnen wüteten? Gab es eine Rechtfertigung für diesen Krieg?
      Machthunger, Habgier, Rache. Aber Rache wofür? Der Fluch ihres Volkes, der Jahrhunderte zurück lag? Die Verantwortlichen waren schon lange tot. Und die Unwissenden spürten nun das Ausmaß einer Tat, deren Schuld nicht auf ihren eigenen Schultern lastete. Es war – so einfach.
      Laiká keuchte leise auf, als diese Erkenntnis wie die Sonne vor ihrem Geiste strahlte. Ihre Gedanken überschlugen sich, zwangen sie innerlich in die Knie. Es war als erwache sie auch einem Traum, doch die Erinnerung daran schwamm noch ungreifbar vor ihrem Auge, solche Ausmaßen nahm sie ein. Ein klares Bild, ein klares Ziel, doch die Folgen zu hoch für sie, zumindest zu dieser späten Stunde.
      Rost hatte ihr gelauscht, und schwieg nur. Dann rührte er sich, wandte langsam den Kopf um und sah sie an, ohne etwas zu sagen. Was genau in ihm vorging, schien schwer zu deuten, denn der Ausdruck in seinem Gesicht ließ ihn vielmehr nachdenklich als alles andere wirken. Seine Augen aber schienen ein wenig glasig dabei. Er öffnete den Mund, schien etwas sagen zu wollen, schloss ihn dann aber wieder, und drehte den Kopf wieder nach vorn. Schließlich sagte er leise:
      "Das ist richtig. Aber darüber können wir uns auch morgen den Kopf zerbrechen." Mit seinem abgewandten Gesicht war es nur schwer zu erkennen, doch seine Wangen bewegten sich, und es schien, als würde er lächeln.
      Sie lächelte auch. Ein wohliges Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus, das Gefühl den richtigen Weg einzuschlagen.
      Das letzte Heu verschwand aus seinen Haare. Laiká strich noch einmal mit der Hand über seinen Kopf, dann lehnte sie sich in sein Sichtfeld vor. „Weißt du Rost. Ich danke dir. Ich habe heute schon gedankt, aber ich kann es immer wieder tun. Danke. Aus ehrlich Herz.“ Sie legte ihre Hände auf seine Schultern, drückte sich leicht ab, um aufzustehen und aus dem Heuhaufen zu steigen. Nach einem ausgiebigem Strecken gähnte sie müde und wuschelte sich selber durch das Haar. „Eigentlich war blöd Heu aus den Haar zu holen, oder?“ Sie schenkte ihm ein Lächeln. „Wenn wir schlafen, geht Heu ja wieder rein.“
      Aber das hinderte sie natürlich nicht daran sich wieder ins Heu zu kuscheln.
    • Willst du reden?

      „Morgen zupf ich wieder raus“, murmelte sie verschlafen. In ihrem Körper breitete sich langsam die Müdigkeit des Tages aus, verbunden mit dem eindämmernden Nebel der Trunkenheit. Aber sie wollte nicht nicht schlafen.
      Rost sah über die Schulter hinweg zu ihr.
      "Wenn du magst", sagte er dann, schien jedoch um weitere Worte verlegen.
      Laiká hob den Oberkörper, blickte zu ihm rüber und grub sich dann durchs Heu wieder näher an ihn heran. „Ist alles in Ordnung?“, fragte sie leise.
      Ein wenig überrascht sah er zu ihr.
      "Doch ... schon", widersprach er unschlüssig. Dann schnaubte er sanft durch die Nase. "Schon gut. Ich bin nur noch nicht so recht müde. Aber du hast getrunken und getanzt. Leg dich ruhig schon hin."
      Sie schüttelte leicht den Kopf. Zwischen ihnen herrschte selten so eine harmonische Stimmung, die Laiká sehr genoss. Ab morgen würden sich dann ihre Gruppe vergrößern, wer weiß wann sie dann wieder in Ruhe miteinander reden konnten. Sie rückte noch näher heran, legte sich raschelnd auf den Bauch und stützte den Kopf auf ihren Armen. „Willst du reden?“
      Er lehnte sich ein wenig zurück. "Worüber denn?", fragte er.
      „Mmh.“ Auf Anhieb fiel Laiká kein Thema ein. Sie dachte, dass Rost vielleicht ein paar eindrücke loswerden wollte, vielleicht Erinnerungen, die aufkamen, aber die würde er wohl nicht einfach so mit ihr teilen.
      „Wie magst du Narika?“, fragte sie schließlich. Sie selbst kannte die Gerudo ja nicht sehr gut, hatte aber das Gefühl ihr vertrauen zu können. Sie wirkte wie eine seriöse, willensstarke Frau, die ein festes Ziel im Auge behält. Ob sich sein erster Eindruck auch in diese Richtung ging?
      Rosts Kopf ruckte in ihre Richtung. Mit so einer Frage schien er nicht gerechnet zu haben.
      "Also", begann er und runzelte dann die Stirn. "Sie wirkt sehr ruhig und ... pragmatisch? Ich kenne sie ja fast gar nicht", erklärte er dann ein wenig verwirrt, ehe er die Augen etwas schmälerte. "Oder was meintest du?"
      Das Misstrauen am Ende verwirrte sie. „Wollte nur dein erstes Eindruck hören. Ich bin ehrlich, ich kenne sie auch kaum. Aber ich find sie gut. Gute Kriegerin, kann gut an Seite kämpfen. Wenn wir zusammen reisen, dann müssen wir auch verstehen.“ Sie seufzte leise. „Mach mir Sorgen weil Quintus. Er ist so Kind und Narika muss immer aufpassen. Was wenn er bei mir erinnert, was dann? Ich hoffe alles geht gut.“ Sie legte den Kopf schief. „Ist ja nicht so meine Verantwortung, aber ich fühle so ein wenig schon. Wie siehst du das genau? Mit sein Erinnerung? Hast ja mit Narika geredet.“
      Rost zuckte mit den Achseln.
      "Ich hab' ehrlich gesagt keine Ahnung", gestand er und atmete dabei aus. "Narika scheint sich große Sorgen zu machen, was wohl passiert, falls der Junge sich erinnern sollte. Ich verstehe nicht recht, weshalb oder was genau schon groß geschehen soll, aber für's Erste muss man das wohl so hinnehmen. Und was den Jungen angeht: Ja, er wirkt ziemlich unbeholfen, aber ich schätze mal, das ist seiner Situation geschuldet, mir ging es am Anfang ähnlich. Das meiste hat mir Angst gemacht, und einerseits war ich deshalb übervorsichtig, und andererseits hätte ich am liebsten jeden am Kragen gepackt und nach Erklärungen verlangt. Aber das ging natürlich in den Minen nicht. Und wirklich erkannt zu haben schien mich da keiner, von daher kann ich's schwer vergleichen."
      Er schien ein wenig rastlos, sodass er sich schließlich entschied, sich ebenfalls wieder langzumachen. Mit den Armen unter dem Kopf verschränkt, legte er sich zurück ins Heu.
      „Den Minen“, wiederholte Laiká murmelnd. „Gibt es eigentlich mehr davon? Weißt du das?“ Niemals hätte sie gedacht, dass Gerudos solche Fluchsteine abbauten, die Dämonen anlockten. Oder eher abbauen ließen, um es genauer zu formulieren. Genau darin lag die Ungerechtigkeit, von der Rost zuvor berichtet hatte. Wenn es noch mehr von diesen Teufelsorten gab, musste man etwas dagegen tun. Aber vielleicht hatte sich ja der Held aller existierenden Minen angenommen. Die Menge an Sklaven, die Laiká bei Nacht vor vielen Wochen überblicken konnte war wirklich erschreckend, das konnte doch nicht alles nur aus einem Berg kommen...oder?
      "Nein", antwortete Rost, nun eine Spur düsterer. "Das weiß ich nicht. Ich hoffe nicht. Aber ... eigentlich will ich da gerade gar nicht drüber nachdenken", sagte er dann.
      „Ja, natürlich“, meinte Laiká hastig. „Ah äh...mh.“ Sie ratterte im Kopf alle möglichen Gesprächsthemen ab. „Magst du mir richtig tanzen lernen? Also so richtig?“ Wechsel gelungen!
      Er drehte seinen Kopf auf die Seite und sah sie durch das Heu hindurch an.
      "Du ... bist ziemlich begeistert davon, oder?", fragte er zunächst, denn ihm schien aufgefallen zu sein, mit welcher Begeisterung sie danach gefragt hat. "Ich kann. Wenn sich die Gelegenheit bietet. Also vielleicht. Eigentlich ... müsste dir das eine Frau beibringen. Die haben andere Schritte als wir Männer." Dann grinste er leicht. "Wer weiß, vielleicht kann Narika ja hylianisch tanzen."
      Sie lachte kurz. „Narika tanzen? Also ja, wie unser Volk, aber die steifen hylianisch Tänze...passt gar nicht. Aber ich frag mal. Sie sprecht ja auch so gut hylianisch, vielleicht sie schon oft hier.“ Laikás Blick wanderte durch den Raum. „Aber sie war auf Ganondorfseite. Zumindest vorher. Ich glaub jetzt nicht. Jetzt ist sie einfach nur auf ihrer und Quintus. Warum sie sonst hier mit ihm?“ Sie legte eine nachdenkliche Pause ein. „Ich glaube mehr Gerudo sollen mal Hyrule sehen. Einfach nur sehen. Nicht kämpfen oder handeln. Einfach Land schauen, Leute schauen, Essen probieren. Dann sie sehen, dass hier gar nicht böse.“
      Rost atmete durch die Nase aus und warf Laiká daraufhin einen entschuldigenden Blick zu.
      "Du bist mir nicht böse, wenn ich mir dasselbe nicht auch umgekehrt für die Hylianer wünsche, oder?"
      Da lachte Laiká auf. „Nein! Nein natürlich nicht. Nein, Wüste nicht für Hylianer. Vielleicht irgendwann. Aber jetzt zu gefährlich. Nicht nur wegen Gerudo, auch weil Sonne und Sand und Tiere. Nein Hyrule sein so ein große Oase und Wüste sein...schön, aber in anders Augen.“
      "In der Wüste gab's auch ein paar nette Sachen, so ist das ja nicht", gestand Rost ein, auch wenn er nicht lange bei dem Thema verweilte.
      „Ich liebe die Wüste. Sie ist meine Göttin. Meine Heimat.“ Nun drehte sich Laiká auch auf den Rücken und starrte in die Dunkelheit. „Heimat liebt man immer. Da wo Familie ist. Oder wo du Familie machst. Familie ist wichtig. Wenn ich zurück in Wüste gehen, weiß ich, dass da mein Clan wartet. Egal was ist tu, da kann ich zurück.“
      Laiká schloss zufrieden die Augen, ein Gefühl, das nicht lange anhielt, da sie im gleichen Moment realisierte, wem sie das gerade sagte. Einem Mann, der keine Familie hatte, zumindest nicht bewusst. Oha. Sie erstarrte, neigte den Kopf leicht zu Rost, dann wieder sofort zur Decke. Eine peinliche Pause entstand, zumindest empfand sie es als solche, dann murmelte sie leise: „Entschuldigung.“
      "Brauchst du nicht", antwortete Rost gelassen. "Ich kann's verstehen. War zwar nicht lang da, aber euer Stamm hat mir gefallen. Locta ist sicher eine tolle Mutter. Auf jeden Fall aber eine formidable Gastgeberin. Und Tänzerin. Und Anführerin. Und Kriegern", fuhr er in einem fort.
      „Sie hat dir gefallen, he?“ Keine unübliche Reaktion auf ein Treffen mit ihrer Mutter. Locta besaß eine phänomenale Ausstrahlung, eine Gerudo, der die Führung eines eigenen Clans in Leib und Seele überging. Kein Wunder, dass die Chalids trotz ihrer geringen Größe bei den anderen Clans geschätzt und in Ruhe gelassen wurden.
      "Na klar. Für ihr Alter sieht sie toll aus und ist sehr charmant", meinte Rost und hob die Augenbrauen. "und abgesehen davon war sie die erste Frau in dieser verdammten Wüste, die nett zu mir war, ohne was dafür zu verlangen."
      „Das...ja das wahr. Kann ich nicht gegen sagen.“ Laiká kniff die Lippen zusammen. „Bin ich denn ein wenig wie sie?“ Viele junge Gerudos nahmen sich an Locta ein Vorbild, Laiká war da keine Ausnahme. Als direkte Nachkomme verlangte man auch von ihr, dass sie in die Fußstapfen ihrer Mutter trat, doch es war ihr immer schwer gefallen. Ihre Besessenheit von Ganondorf hatte oft zu Auseinandersetzungen und Unverständnis geführt, weshalb Laiká innerhalb des Clans eher als kleine Rebellin angesehen wurde, das jedoch mit viel Spott und wenig Ernst. Leonda, die älteste der Töchter, galt damals als Hoffnung des Clans und sollte auch die Rolle der Anführerin übernehmen, sobald Locta sich nicht mehr dazu in der Lage fühlte. Doch unter den jetzigen Umständen stand die Clannachfolge bestimmt in den Sternen. Nicht dass ihre Mutter so schnell die Führung abgeben würde! Aber man wollte dennoch vorbereitet sein.
      "Nicht wirklich", sagte Rost prompt. "Locta trägt sich mit so einer Art Würde ... dagegen wirkst du viel zappeliger und wilder. Aber - ", fügte er hinzu, "man sieht, dass du ihre Tochter bist. Ihr seid euch wie aus dem Gesicht geschnitten."
      „Oh.“ Laiká spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. „Danke.“ Sie lümmelte sich tiefer ins Heu. „Siehst auch toll aus“, versuchte sie das Kompliment zurückzugeben, bereute es jedoch in der Sekunde, als sie es ausgesprochen hatte. Sofort hob sie angespannt den Kopf, um Rosts Reaktion zu sehen. Eigentlich hatte sie noch nie ein Problem damit gehabt Männer um den Finger zu wickeln, das gehörte zur guten gerudischen Art. Eine natürliche Fähigkeit des Volkes, wenn man so meinen konnte. Man bekam Komplimente, gab welche zurück und landete dann im Zelt. Aber bei Rost war es anders. Komplett. Sie schämte sie eher. Aber nicht schlecht schämen! Nur war es...anders. Sie wusste, wie verklemmt er sich immer verhielt und hoffte ihn damit nicht in eine unangenehme Lage gebracht zu haben.
      "Hm, findest du?", er lachte leise und sofort fiel ihr ein Stein vom Herzen. "Dankeschön." Kurz zögerte er, ehe er schließlich ein wenig amüsiert nachsetzte: "Hast du deshalb gefragt?"
      „Ob ich wie Mutter bin?“ Sie wusste nicht genau, worauf er sich nun bezog. „Naja...also...ja.“ sie vergrub ihr Gesicht im Heu. „Ich bewunder Mutter sehr. Und ich freu mich, wenn ich etwas bin wie sie, wenn auch nur aussehe.“ Dann nuschelte sie noch ins Heu: „Und ist schön von dir zu hören. So...also weißt schon. So.“
      Das war der Moment, am Laiká sich die Leiter heruntergestürzt hätte. Es war wie bei der verflixten Höhe. Warum fiel ihr das plötzlich so schwer? Wo blieb ihr Mut, ihre Stärke und ihr Stolz? Sie war eine Gerudo, verdammt, eine Gerudo! Das stolzeste Volk unter Mahsati. Und hier lag sie mit glühenden Wangen im Heu und konnte nicht einmal offen reden. Sie schämte sich und bat in Gedanken ihre Ahnen um Verzeihung.
      "Nö, weiß ich eigentlich nicht", meinte er dann. "Ich meine ... ich wundere mich bloß. Warum möchtest du wissen, ob ich dich charmant oder hübsch finde?", fragte er schließlich.
      „Rost.“ Laiká hob wieder den Kopf und sah ihn an wie ein Kind, dem man erklären musste, wofür diese Grube zum Draufsetzen war. „Rost, ich bin eine Frau. Frauen mögen das hören. Und ich schätze dich sehr, also freu ich mich noch mehr, das von dir zu hören. Verstehnn du? Du freun dich doch auch, wenn ich sage, dass du gut kämpfen kannst. Oder das du hübsch Haar und Augen hast. Und große Hände, da kannst du gut mit Speer. Und die Punkte auf dein Nase find ich voll süß. Aah“, sie unterbrach ihren Redefluss schnell und räusperte sich. „Komplimente sind einfach schön. Hört gerne, ja? Hat man gute Laune.“ Sie atmete tief ein und hob den Kopf, ganz als würde sie ihre Aussage mit stolz untermalen, während ihr innerlich das Herz in den Rock rutschte. Das Thema war neu, sowas von neu und fühlte sich irgendwie unangenehm an. Mit Rost über sowas zu reden! Also das...das war...das war neu!
      Rost starrte sie verwirrt und großäugig an. Mit so einer umfangreichen Erklärung hatte er scheinbar nicht gerechnet. Sie auch nicht. "Ach ...so?", fragte er dann, schien ein wenig verlegen, aber auch perplex. Dann wandte er das Gesicht wieder zur Decke und betrachtete diese mit stutziger Miene. "Mh. Na gut. Hat mich nur gewundert. Hab sonst immer den Eindruck gehabt, dass dich sowas wenig kümmert. Aber dann hab ich mich eben geirrt. Nimm's mir nicht übel, ich denke nicht immer groß darüber nach."
      „Tu ich nicht“, antwortete sie schnell. „Wirke ja auch nicht so. Glaub ich. Aber mh.“ Sie stutzte und versuchte ihre Gedanken zu sortieren. „Weißt du noch, da bei Oase“, setzte sie dann an. „Als ich baden war? Du haben ja mein Beine gesehen.“ Sie lüftete leicht ihren Rock, auch wenn man in der Dunkelheit sicher nicht viel sehen konnte. Seit diesem Tag damals hatte sie ihre hässlichen Narben nicht mehr unter Tüchern versteckt. „Ich warn immer sehr unsicher wegen mein Beine. Weil so hässlich. Aber du haben gesehen und nicht gesagt. Dir war egal. Und das hat mich sehr gefreut. Daher freut mich auch, wenn sagt, dass ich schön bin. War immer so ein Problem bei mir.“
      Rost sah sie nachdenklich an. Schließlich furchte er die Augenbrauen und wirkte, als wollte er stark widersprechen. "Aber wieso? Ich meine, nicht, dass ich das herunterreden will. Aber wen kümmern denn die Beine? Das ist doch nicht alles. Die sieht man doch meistens sowieso nicht, und selbst wenn doch, das sind Verbrennungen, sowas kann passieren. Aber das entstellt einen nicht. Der Rest von dir macht das außerdem ziemlich wett." Er zuckte erneut die Achseln. "Als du vorhin getanzt hast, hat dich bestimmt ein Haufen Kerle angeglotzt, denen deine Beine vollkommen schnuppe waren. Und ich wette, eine große Zahl von Frauen würde wahrscheinlich die eigenen Beine gleich hergeben, um so auszusehen, wie du. Obwohl sie dann natürlich nicht mehr tanzen können, mh, tja." Er drehte den Kopf wieder zu ihr und lächelte matt. "Und jetzt sag mir nicht, dass dir das nicht bewusst ist."
      Sie erwiderte seinen Blick mit feuchten Augen und schniefte einmal. „Schon, aber kleine Flüsterstimme im Kopf sein immer da. Das so lieb von dir.“ Sie wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht und lachte dann. „Weißt du, Grund sein so blöd. Als Kind ich wollte immer Königin sein, weil – also Sache mit Ganondorf. Und als ich Beine dann verbrannt ich dachte, ich sein nicht perfekt mehr dafür und dass ich so nicht geliebt werde, weil ich nicht mehr Gerudo ohne Fehler bin. Was doof war, weil alle aus Clan ja immer noch da waren. Aber ich war noch jung und hab dann immer in mich reingeredet, bis ich nicht mehr stumm machen konnte. Und jetzt seh ich das alles anders. Es sein so viel leichter.“ Sie vergrub das Gesicht hinter den Händen, atmete tief ein und fuhr sich dann durchs Haar. „Das sein Vergangenheit. Genug davon. Ich sagen ja wieder so viel >ich<. Mon Sareehn a vaidal'a.“ Sie führte zwei Finger an ihre Lippen, deutete dann auf Rost und sprach: „Sarqso
      Auch wenn er den ersten Teil nicht verstanden zu haben schien, wusste er doch, was sarqso hieß, und nickte darauf langsam, und lächelte.
      "Dafür nicht", sagte er dennoch. "Und außerdem ... hab ich dich ja gefragt." Er sah wieder an die Decke. "Weißt du, manchmal ist es auch ganz nett, mal über sowas zu reden. Ich weiß gar nicht, wann ich zum letzten Mal mit einem Mädchen ... oder, naja, eher mit einer Frau über so Sachen gesprochen habe."
      „Dann ist das jetzt letzte Mal, bis es nächstes Mal gibt.“, ermunterte Laiká ihn sofort. Auf einmal fühlte sie sich um so vieles leichter. „Und was gehen so in Kopf von Männer rum“, fragte sie daraufhin verschwörerisch und drehte den Zeigefinger in der Luft.
      "Ich dachte, davon hast du doch mächtig Ahnung?", spöttelte er und grinste dann hinauf zum Dach. "Du weißt doch, ich bin ein armer, prüder Hylianer. Meine Gedanken sind rein."
      „Soso.“ Gleichsam amüsiert streckte sie den Arm aus und pikste ihn in die Seite. „Ganz rein ja? Ehrlich?“ Sie kitzelte ihn. Das funktionierte bei ihren Schwestern ständig, wenn die mit der Wahrheit rausrücken sollten. Sehr effektiv.
      Er zuckte ein wenig zusammen. "Natürlich - ungh. Nicht." Dann lächelte er entschuldigend. "Aber das hast du doch schon längst mitbekommen. Ich glaub ich bin nicht gut darin, sowas zu verbergen."
      „Nö. Aber du versucht immer, das ist so niedlich. Äh ich mein, das ist – so männlich! Ja, männlich.“
      "Sicher", kommentierte er trocken. "Wenigstens weiß ich, an welches Ufer es mich zieht."
      Sie legte den Kopf schief. „Das versteh ich nicht. Warum Ufer?“
      "Na, du fandest das Mädchen im Gasthof doch scheinbar auch ... nett."
      „Ha? AH!“ Sie hatte begriffen. „Ja. Ach, da musst du dir nicht wundern, das ist bei Gerudo oft. Wir sind sehr offen. Mögen Beides. Es geht doch um Spaß und Liebe an sich. Wenn man jemand findet, der passt, dann passt eben.“
      Er sah sie ein wenig unschlüssig an, nein viel mehr schien er unschlüssig, wie er darauf überhaupt zu gucken sollte. "Ja ...In Ordnung."
      Sie lächelte ihn aufmunternd an, dann schlich sich ein Gähnen dazwischen. „So langsam sein ich müde. Du auch oder noch wach?“
      Ihr Gähnen steckte ihn an und er sparte sich darauf die Antwort.
      Daraufhin streckte sie sich ausgiebig. „Dann gut Nacht, Rost. Schlaf gut.“
      "Du auch", sagte er und wälzte sich dann auf der Stelle tiefer ins Heu.
      Laiká schlief schnell mit einem wohligen Gefühl ein.
    • Selbstmordgefährdete Gerudo

      Mit schnellen Schritten war Narika zurück ins Gasthaus geeilt und nahm auf der Treppe bei jedem Schritt drei Stufen auf einmal. Sie strauchelte, als sie eine Stufe verpasste und schützte sich noch im letzten Moment vor dem Fall, bevor sie die Treppe, weiter nach oben stieg. Warum musste dieses elende Weib nur so unheimlich stur sein. Und dann auch noch aus dem Fenster? Wirklich? Wenn sie vorgehabt hatte abzuhauen, warum zur Hölle dann auf diesem Weg? Und warum nahm sie es nicht einfach dankend an, dass Narika nicht nur keinen kurzen Prozess mit ihr gemacht hatte, sondern sogar dafür gesorgt hatte, dass ihre Wunden versorgt wurden. Allein für ihren Angriff auf Quin hätte sie sie töten können. Wenn sie denn gewollt hätte.
      Aber Raveenâ war immer noch ihre Schwester. Eine enge Freundin. Jemanden, den sie nicht verlieren wollte oder nicht auch noch verlieren konnte.



      „Du musst mich verstehen.“
      Narika hatte es im ruhigen Ton versucht. Sie wollte sich nicht mit ihr streiten, immerhin war sie ohnehin verletzt, hatte Schmerzen und war in ihrem Stolz gekränkt worden. Nicht nur das, Narika wusste, was für ein Problem sie ohnehin mit Männern hatte. Ihr Abneigung ging sogar über das normale Maß einer Gerudo heraus, es war nicht nur Abschätzigkeit, oder dass sie Männer einfach nur schwach und erbärmlich hielt, es war viel mehr eine Art von Angst. Sie hatte bereits erlebt, wie grausam und unberechenbar ein Mann sein konnte und selbst eine Gerudo konnte das in den Tiefen ihres Herzen erschüttern. Natürlich nahm sie es Narika übel, dass sie ausgerechnet Rost um Hilfe gebeten hatte. Aber nicht nur das.
      „Was gibt es da noch zu verstehen“, blaffte Raveenâ angesäuert zurück. „Du bist gegangen. Du denkst, du bist etwas Besseres, dass du dich über uns stellen kannst und machst, was du willst. Wie ein kleines Kind. Solltest du es nicht eigentlich besser wissen.“
      „Ich denke, ich habe durchaus das Recht, selbst zu entscheiden was ich tue“, antwortete Narika. „Ich will mich keinen Traditionen mehr unterwerfen, wenn sie mich dazu zwingen, die Menschen zu verletzen, die mir wichtig sind.“
      „Hast du vergessen, welche Bedeutung diese Traditionen für uns haben?“ Raveenâ verschränkte die Arme vor der Brust. „Sie sind das, was uns ausmachen. Wir Gerudos sind ein Volk, das zum Untergang verdammt wurde. Wenn es nach diesen drei Göttinnen ginge, hätten wir längst das Antlitz dieser Welt verlassen. Allein Mahsatis Gnade ist es zu verdanken, dass wir noch auf der Erde wandeln dürfen.“
      „Ich habe das alles nicht vergessen“, gab Narika ruhig zurück. „Wenn du auch weiterhin diese Traditionen befolgen willst, dann tu es. Aber tu es nur, solange du mit dir selbst im Reinen bist. Tue nichts, was du bereuen wirst.“
      „Denkst du, du bist in der Position mir eine Predigt zu halten?“ Raveenâ knirschte mit den Zähnen und tippte mit dem Finger auf ihren Oberarm. „Du weißt, dass nach mir nur andere kommen werden. Werde ich zur Gerudo-Festung zurückkommen, wird man mich wohl bestrafen. Aber man wird dich nicht ziehen lassen. Du bist und bleibst eine Verräterin für unser Volk und solange du lebst wird man dich und diesen Blondschopf jagen.“
      „Ich weiß das“, antwortete Narika und wandte den Blick ab. „Das ist das Los, das ich selbst gewählt habe.“
      „Und du weißt, wie grausam und tödlich eine Schlangenkriegerin sein kann.“
      „Schnell. Gnadenlos. Kalt.“ Als würde Narika in einen Spiegel blicken.
      Doch statt fortzufahren, schwieg Raveenâ einen Moment lang und wandte schließlich ihren Blick ab.
      „Wäre es nicht wenigstens schöner gewesen, durch die Hand einer Freundin zu sterben?“
      Narika blickte sie an, fragend, den Blick voller Skepsis. „Durch die Hand derer zu sterben, der dir einmal eine treue Freundin war? Was soll daran besser sein?“
      „Ich wäre mit diesem Gedanken glücklich gestorben, Narika“, antwortete Raveenâ. Ihre Stimme war bereits sanfter, ruhiger geworden. „Dass dein Mörder, nicht voller Abscheu und Hass auf dich herabblickt, sondern mit Schmerz in den Augen, und dir das Wissen gibt, dass du ihnen etwas bedeutest. Dass sie deinen Verlust bedauern. Dass du nicht im Tod allein gelassen wirst. Sondern in dem Moment jemanden an deiner Seite hast, der dich aufrichtig liebt. Es hat nichts damit zu tun, wer dir den tödlichen Schlag versetzt. Sondern wer an deiner Seite ist, wenn du deinen letzten Atemzug nimmst. Es schmerzt mich zu wissen, wenn deine Zeit gekommen ist, nicht an deiner Seite sein zu können. Und es tut weh, dass du es auch nicht sein wirst, wenn mein Ende gekommen ist.“
      Eine Weile hatte Narika sie stumm angeblickt, nicht gewusst, was sie sagen sollte, bevor sie Schritte gehört hatte, die die Treppe hinauf kamen. Sie wandte sich zum Gehen, doch stoppte sie noch einmal und sagte:
      „Ich möchte nicht dein Mörder sein. Du könntest vielleicht friedlich mit der Gewissheit sterben, durch meine Hand gestorben zu sein, aber ich könnte nicht mit der Schuld leben, dich getötet zu haben.“



      Nichts übertraf ihren Stumpfsinn. Ihren Egoismus. Ihre Unfähigkeit den Kopf einzuschalten oder auch nur einen Moment lang nachzudenken. Narika war am Eingang des Zimmers aufgetaucht, das Bett wie erwartet leer und das Fenster sperrangelweit offen. Sofort klettert sie auf den Sims und beugte sich nach draußen. Mittlerweile war dieses dämliche Weibsbild abgerutscht und krallte sich mit beiden Händen an der Hausfassade fest. Ein Sturz würde vielleicht nicht tödlich, aber dennoch schmerzhaft werden. Und ihr definitiv den ein oder anderen Knochen brechen.
      Narika lehnte sich weiter aus dem Fenster, sich mit einer Hand am Rahmen festhaltend, die andere nach ihrer Freundin ausstreckend.
      „Wieso kannst du nicht die Eingangstür nehmen wie eine normale Person!“, rief sie ihr zu, um sie auf sich aufmerksam zu machen. Sie lehnte sich weiter nach vorne, kam aber nicht an sie heran.
      „Wenn du schon abhauen willst, bring dich dabei wenigstens nicht in Gefahr, verdammt!“
      Raveenâ schien damit zu kämpfen zu haben sich festzuhalten, von Narika auch noch angeschrien zu werden, war das Situation nicht wirklich förderlich. Aber auch wenn die Gerudo ihr eine Hand entgegen streckte, schien Raveenâ nicht daran denken zu wollen, sie zu nehmen.
      „Was bei Mahsati soll das werden?“, schrie Narika und lehnte sich noch weiter nach vorne. Sie kämpfte bereits mit ihrem Gleichgewicht, ihre Füße krallten sich am Fenstersims fest. Doch selbst mit der Gefahr selbst heraus zu fallen, war Raveenâ nicht zu erreichen. Die sture Gerudo entzog sich ihr sogar noch weiter.
      „Wie kommst du immer auf so dämliche Gedanken?“
      „Wenn ich hier sterbe, wirst du dann bei mir sein?“

      „Was?“ Entgeistert blickte Narika Raveenâ an.
      „Ich sagte, wenn ich hier sterbe, wirst du dann bei mir sein?“
      „Was faselst du da schon wieder für einen Unsinn!“, fluchte Narika. „Beweg‘ deinen Hintern hier wieder rein, sofort!“
      Das war eine Farce. Ein dämlicher Kinderstreich, etwas anderes konnte das gar nicht sein. Selbstmord. Das war ihre Lösung? Sich vor der Strafe, die ihr drohte zu drücken und Narika nicht zu ihrer Mörderin zu machen, dennoch in ihren Armen zu sterben? Vollidiotin, ein Fall aus dieser Höhe würde sie nicht töten. Und sie hing an dieser Mauer, als hing das liebe Leben davon ab. Sie wollte doch gar nicht sterben, sie war einfach nur bescheuert!
      Welche Lügen hatte sie sich selbst erzählt, um das als den einzigen Ausweg zu sehen?
      Überzeugend genug schienen sie aber gewesen zu sein, die junge Frau reagierte nicht.
      „Raveenâ!“, schrie sie ihre Freundin nun an. „Nein! Wenn du dir hier und jetzt das Leben nimmst, werde ich nicht an deiner Seite sein!“
      Endlich richtete die Gerudo ihren entgeisterten Blick wieder auf Narika. „… Was?“
      „Du hast mich richtig verstanden! Wenn du hier stirbst, stirbst du allein! Ich werde niemandem beistehen, der auf so eine feige Art sein Leben wegwirft.“
      „N-narika, a… aber...“
      „Du verstehst mich immer noch nicht“, knurrte Narika ihr zu. „Ich will, dass du lebst. Es ist mir egal, ob wir eines Tages wieder unsere Klingen kreuzen. Unsere Wege haben sich längst getrennt. Du kannst mich so oft versuchen zu töten, wie du willst, und ich werde dich so oft abwehren, wie ich es vermag. Und wenn du eines Tages mein Leben nimmst, wenn das dein Ziel sein soll, dann soll es so sein. Ganz gleich was zuerst kommen mag, deine Erkenntnis oder mein Tod, du sollst nicht vor mir sterben. Weil du meine Freundin bist. Hast du das endlich verstanden?“
      Narika streckte ihr noch immer die Hand entgegen.
      „Und wenn du hier loslässt, dann bist du keine Freundin für mich.“
      Raveenâ blickte sie stumm an, bevor sie langsam, aber sicher ihre Hand in Narikas legte. Das plötzliche, zusätzliche Gewicht ließ Narika beinahe ihr Gleichgewicht verlieren und nach vorne kippen. Sie suchte Halt mit ihrer freien Hand, kroch langsam wieder zurück ins Innere des Raumes und zog Raveenâ mit sich. Erst als sie und ihre Freundin wieder festen Boden unter den Füßen hatten, kam Narika allmählich wieder zu Atem.
      Und als Erstes holt sie aus und verpasste Raveenâ eine schallende Ohrfeige.
      „Tu sowas nie wieder. Närrin.“
    • Noch während die Verrückte an dem Fenster hing, trennten sie sich und Quin positionierte sich unter ihr, um sie im Notfall auffangen zu können. Der Sturz würde sicher nicht tödlich enden, aber ihre Beine mussten ja nicht kaputter werden als sie ohnehin schon waren. Mürrisch fluchend blickte er zu ihr auf, sah gerade noch Narikas Haarschopf, konnte aber nicht verstehen, was die beiden dort besprachen. Gerade als er immer ungeduldiger wurde, schaffte es seine Freundin, ihre alte Bekannte durch das Fenster zurück zu zerren.
      „Dem Himmel sei Dank“, fluchte er noch, bevor er die Treppe des Gasthauses hoch hastete – zwei Stufen auf einmal nehmend -, nur um gerade noch mit zu bekommen, wie Narika der zweiten Gerudo eine schallende Ohrfeige verpasste.
      „Noch eine, um sicher zu gehen!“, forderte Quin außer Atem und klammerte sich an den Türrahmen.
      "Nein, ich glaube, sie hat es verstanden", erwiderte Narika, an Quin gewandt. "Diesmal hoffentlich wirklich."
      Raveenâ schaute tatsächlich ziemlich beschämt drein. Der Schlag musste ja gesessen haben. Reumütig wie ein geprügelter Welpe zog sie sich aufs Bett zurück und mimte wieder den verletzten Patienten.
      „Hm, na wenn du meinst…“, nuschelte Quin unsicher, der sich noch nicht recht in die Nähe der Verletzten traute. Wenn sie annähernd so geschickt war, wie Narika, würde es sie keine Sekunde kosten, ihn einen Kopf kürzer zu machen. Dennoch betrat er das Zimmer und hielt sich dabei immer in Narikas Nähe auf. „Was… machen wir nun mit ihr?“
      "Hier lassen. Sie wird es sich dann selber überlegen, was sie tut."
      „Du musst es wissen“, sagte der einzige Mann in der Runde mit einem Schulterzucken, doch innerlich war er ziemlich nervös. Was, wenn Raveenâ nicht so handzahm blieb? Sie auf Reisen überraschte? Für eine Sekunde kreuzten sich seine Blicke mit den ihren. Er wurde aus dieser Frau nicht schlau. Und Narika würde ihre Zeit nicht mit langen Erklärungen verschwenden. Wieder einmal verlangte sie eine große Stange Vertrauen von ihm. Aber dies war nicht der richtige Augenblick, erneute Zweifel zu haben.
      „Gut, ähm… Brechen wir heute noch auf? Denn wenn nein… Wo schlafen wir dann?“ Er nickte in Richtung der Verletzten, die ihr einziges Bett in Beschlag nahm.
      Narika schien einen Moment lang nachzudenken.
      "Ich glaube, wir besorgen uns ein anderes Zimmer?"
      „Hah… So sei es…“, antwortete er, ein wenig perplex.

      Der nächste Tag begann früh. Quin war müde, weil er kaum geschlafen hatte. Das zweite Zimmer, das sie bezogen hatten, hatte weiter an Narikas Geldbeutel gezehrt und war nicht annähernd so gemütlich wie das erste. Eigentlich glich es sogar eher einer Besenkammer als einem Schlafzimmer und das schmale Bett hatte zum Streit geführt, wer von beiden nun darauf liegen sollte und wer auf dem Fußboden. Am Ende hatte keiner gewonnen und sie hatten beide auf dem Boden geschlafen. Ebenso zusammengequetscht wie wenn beide auf dem Bett geschlafen hätten.
      Das alles sorgte für Quins steifen Hals am nächsten Morgen und seine schlechte Laune.
      „Mmmmorgen…“, brummte er, als er sich unten im Schankraum an ihren Tisch setzte.
      "Morgen", kam es zerknirscht zurück. "Nächstes Mal schmeiß ich Raveenâ vorher raus..."
      „Oha!“, kam es von dem Jungen, auf dessen verpenntes Gesicht sich nun doch ein Lächeln stahl. „Wo ist denn deine fürsorgliche mütterliche Art auf einmal hin?“
      "Die ist letzte Nacht auf dem Fußboden gestorben."
      Milde lächelnd ließ er sich neben ihr nieder.
      „Hoffen wir, dass es kein nächstes Mal gibt.“
      als gerade die Wirtin, eine plumpe rothaarige Frau mit Hakennase an ihren Tisch dackelte.
      „So ihr Kleenen, wat willter denn ess’n?“
      „Ein Laib Brot. Mit Wurst und Käse.“
      „Könnte… ich zwei von diesen Spiegeleiern haben? Und etwas Wasser.“, bestellte Quin hiernach, woraufhin die Schönheit sofort zurück in Richtung Küche stiefelte und dabei schrie:
      „Barny!! Eenma Hühneraugen und eenma Bauchschmerzen uff Toast un‘ wat zum runterspül’n!“
      "Ich ess nie wieder an der Großen Kreuzung", murmelte Narika mit einem Kopfschütteln. Auch Quin war von den Kommunikationskünsten der Küche ziemlich wenig begeistert. Geradezu blass wurde er jedoch, als er die Spiegeleier vorgesetzt bekam, die im eigenen Saft geradezu ertranken. Brot, Käse und Wurst sahen ebenso wenig vertrauenerweckend aus und Quin schwor, dass man mit diesem Laib einen erwachsenen Mensch hätte bewusstlos prügeln können.
      Nach dem ersten Versuch, das labbrige Ei in Richtung Mund zu befördern, ließ er die Gabel sinken.
      „Weißt du… Raveenâ hat sicher viel größeren Hunger als wir beide. Sie muss sich doch… stärken.“
      Zur Bekräftigung seiner Worte schob er den Teller ein wenig von sich weg.
      "Ich finde, da hast du Recht." Narika sah kurz über die eigene Schulter und lehnte sich dann nach vorne. "Und wir haben noch nicht gezahlt", fügte sie im Flüsterton hinzu.
      Quin beugte sich vor.
      „Also meinst du… wir sollten einfach gehen?“
      Ein verstohlener Blick durch den Schankraum. Die rote Gefahr war gerade bei Barny in der Küche verschwunden.
      „Los, jetzt!“, zischte er und erhob sich eilig. Narika nickte bloß stumm und folgte ihm hinaus und er konnte nicht umhin, diebisch zu kichern, als sie zur Tür heraus schlüpften und dabei ein letztes Mal hörten:
      „He, Barny! Zwee Kollateralschäden mit viel Soße!“
    • So viel Heu in den Haaren

      Ein unangenehmes Kitzeln ihrer Nase war der Auslöser für ihr Erwachen am nächsten Morgen, gefolgt von einem lauten Niesen, das sie endgültig aus dem Schlaf riss. Laiká schüttelte den Kopf, drehte sich auf die Seite und schloss wieder die Augen. Es war viel zu früh um jetzt schon den Tag zu beginnen. Zumindest sagte ihr Kopf das. Mit einem Auge blinzelte sie zum Dach der Scheune, durch dessen Ritzen helles Sonnenlicht strahlte. Na gut, vielleicht war es doch nicht mehr so früh....aber sie wollte nicht aufstehen. Sie wollte weiter im Heu schlafen, auch wenn es überall pikste und der Geruch langsam in den Nase brannte. Die letzte Nacht war so schön gewesen...vor allem das gute Gefühl, das sie daraus mitnahm, als hätte sie etwas Wichtiges erreicht, einen Durchbruch sozusagen. Zumindest für sich persönlich.
      Arme und Beine streckend räkelte sich Laiká raschelnd Richtung Rost, der noch immer friedlich neben ihr schlief. Eine Weile betrachtete sie sein entspanntes Gesicht, der friedliche Ausdruck, den sie selten beobachten konnte. Einige dunkle Strähnen des offenen Haares fielen ihm über die Stirn und bewegten sich leicht im Lufthauch des gleichmäßigen Atmens. Er sah so lieb und süß aus, dass Laiká ihn gar nicht wecken wollte. Aber schließlich stand heute der große Aufbruch an, allzu lange wollte sie Narika und Quintus nicht warten lassen. Also lehnte sie sich zu Rost und pikste ihn in die Wange. „Hey Großer, aufwecken.“
      Dieser hob eine Hand, wischte ihre damit fort, als wäre es eine Fliege, die ihm Gesicht störte und rollte sich dann zur anderen Seite, während er leise brummte.
      Pah! Laiká blies ungläubig Luft in ihre Wangen. Mit viel Geraschel wälzte sie sich aus ihrem Heuhaufen, umrundete den von Rost und hockte sich vor sein Gesicht, ehe sie ihn mit einem langen Grashalm an der Nase kitzelte.
      Seine Nase zuckte und er verzog kurz den Mund, bis er schließlich eine Hand vorschnellte und Laikás Arm grob umfasste, um sie daran zu hindern, ihn weiter zu ärgern. Rosts Augenlider gingen flackernd auf, und er starrte sie mit schlaftrunkenen, roten Augen an, die nicht sehr begeistert wirkten.
      „Aufstehen“, flüsterte sie, versuchte sich dabei aus seinem festen Griff zu winden, jedoch erfolglos. „Sonne stehn schon hoch. Narika und Quintus warten.“
      Sein mürrischer Ausdruck wandte sich allmählich in sachte Verwirrung.
      "Sonne? Was? Ist es schon so spät?", nuschelte er, ließ sie schließlich los, wischte sich dann mit beiden Händen durchs Gesicht und gähnte herzhaft.
      „Ich glaube fast Mittag.“ Unschlüssig blickte Laiká zu Decke. „Schwer sagen hier drin.“ Auch sie ergriff der Drang zu gähnen. „Bin so müde, kann den vollen Tag schlafen. Aber wir müssen. Komm.“ Sie zupfte an seiner Kleidung.
      "In Ordnung", murmelte Rost unwillig und raffte sich auf. Schweigend und morgenmuffig stand er auf, schüttelte sich und zupfte sich das Stroh von allen Stellen, ehe er begann, Wams und Waffen wieder anzulegen.
      Laiká sah ihm dabei zu, versuchte jedoch erst gar nicht ihn darauf hinzuweisen, dass zur Morgenpflege mehr gehörte als nur das Einkleiden. Das hatten sie schon zu oft auf ihrer Reise diskutiert, Rost besaß einfach einen niedrigeren Standard als sie. Außerdem gab es in der Scheune hier eh keinen vernünftigen Waschplatz und sie wollte sich sicherlich nicht im Pferdetrog waschen. Also tapste Laiká nur zu ihrer Tasche, zog daraus ein kleines Ölfläschchen, das jede Frau stets bei sich tragen sollte, und rieb sich einige duftende Tropfen an Achsel, Hals und Handgelenk. Das sollte den Gestank nach Schweiß und Pferd fürs erste übertünchen.
      Das Heu aus den Haaren zu bekommen gestaltete sich da schwieriger, dafür brauchte sie ihren Knochenkamm, der in Shajas Satteltasche auf sie wartete. Laiká warf einen schnellen Blick die Leiter runter, entfernte sich aber sofort wieder schaudernd vom Rand des Heubodens. Es war ihr unglaublich peinlich, aber um hier runterzukommen, brauchte sie Rosts Hilfe. Und wenn er nur vor ihr die Leiter hinunter stieg, um notfalls ihren Fall zu bremsen.
      „Hey“, sie drehte sich zu ihm um, verfiel dann aber in ein kurzes Kichern, als sie seine Haare erblickte. Amüsiert hob sie die Hand und zeigte darauf. „Darf ich?“
      Er sah sie ein wenig irritiert an, wusste wohl nicht gleich, was sie meinte, und verzog dann das Gesicht, ehe es abwandte. "Mh, meinetwegen", meinte er ein wenig abwesend, und es war nicht ganz klar, ob ihm das nun passte nicht oder nicht.
      Laiká begann damit das Heu an seinem Hinterkopf heraus zu zupfen, was unheimlich schwer war, denn der Kerl ragte zu weit in die Höhe, sodass sie nicht an alles heran kam. „Geh mal auf Knie“, bat sie ihn schließlich. „Du bist so groß.“
      "Oh", machte Rost, der mit den Gedanken woanders schien und nickte dann. "'Tschuldige." Anstatt sich jedoch hinzuhocken, ließ er sich einfach mit dem Hinter zurück ins Heu plumpsen und verschränkte dann die Beine ineinander. "Wie hast du geschlafen?", fragte er dann.
      Laiká spuckte erst einmal Heu aus, das bei seiner Aktion aufgestoben war, ehe sie wieder an die Arbeit hing. Wie in der Nacht zuvor nahm sie sich die Strähnen einzeln vor, kämmte mit ihren Finger durch das Haar und zupfte fleißig trockenes Gras daraus. „Och naja“, antwortete sie dabei auf seine Frage. „Anfang schlecht. Böse Träume, weiß aber nicht mehr was. Bin aufgewacht, aber direkt wieder eingeschlafen, dann direkt tief. Und du?“
      "Kann mich nicht erinnern", meinte er, und klang dabei nicht unzufrieden. "Selten so gut geschlafen." Es schien, als wolle er den Kopf über die Schulter neigen, doch er ließ es, sah weiter nach vorn. "Was denn für'n böser Traum?"
      „Weiß ich nicht mehr so genau.“ Mit angestrengtem Blick versuchte sich Laiká auf die wenigen Erinnerungsfetzen des Traumes zu konzentrieren, doch sie glitten immer weiter in Vergessenheit. „Ich glaub was mit Berg, es war hoch. Und dann war da noch zwei Schlange mit Fell und irgendwie so...Glas? Keine Ahnung.“
      Rost schwieg erst dazu. "Hmm, das mit dem Berg mag vielleicht wegen deines Unfalls im Schattengebirge gewesen sein", mutmaßte er beiläufig. "Aber der Rest? Naja, bin auch kein Traumdeuter."
      „Lieber nicht so viel reindenken, war nur Traum“, winkte Laiká schnell ab. Über den Absturz in den Bergen wollte sie gar nicht erst erinnert werden. Wie sie da den Berghang hinuntergerast war, der Wind in ihrem Gesicht peitschte und von allen Seiten kleine Steine ihre Kleidung zerfetzte – nein, lieber nicht daran denken. Sie verscheuchte die Bilder im Kopf und begann stattdessen Rosts Haare zu seinem üblichen Knoten zusammenzubinden. „Hast du Band?“
      "Ja, hier", er kramte kurz in seinen Taschen und holte dann eine Schnur hervor, die er ihr über die Schulter reichte. "Hm, stimmt schon", kam er dann nochmal darauf zurück. "Aber es gibt Leute, die viel darin sehen. Heißt sogar, es gibt Leute, die in ihren Träumen die Zukunft oder Vergangenheit sehen können", erzählte Rost dabei und klang ein wenig trocken, so als glaubte er aber selbst nicht recht an so etwas. "Wie denken die Gerudos darüber?"
      Sie wickelte nachdenklich das Band um den Dutt. „Schwer zu sagen. Bei mein Familie ist das keine Sache. Wir erzählen manchmal der Ältesten unser Träume, aber geben nicht viel auf Deutung. Ich glaube das ist bei jeder Stamm anders. Viele Priester lesen in Träume und Sterne. Ich glaube eher wenig daran, für mich sind Träume kein Weg für die Zukunft, sondern eher Bilder der Vergangenheit, die dein Geist in Erinnerung zusammennäht. Alles sehr zufällig, das was zu deinem Tag passt. Wenn du was am Tag erlebst, näht dein Geist in Nacht diese Sache an dein Erinnerung, die schon da sein. Ach keine Ahnung“, wiederholte sie schulterzuckend. „Hab nie groß Gedanken zu gemacht.“
      "Mh", machte Rost darauf nachdenklich. "Klingt aber eigentlich nicht verkehrt. Das mit der Vergangenheit und so etwas."
      „Seh ich auch. Naja.“ Laiká zupfte noch etwas an seinen Haaren herum, klopfte ihm dann auf die Schulter und erhob sich. „Bist fertig.“ Dann begann sie sich ebenfalls vernünftig anzukleiden.
      "Danke dir", sagte Rost, schnaufte leise und raffte sich wieder auf. Er wandte sich jedoch ab, als er merkte, dass sie begann ihre Kleider zu richten und meinte dann etwas verhalten: "Ich gehe schonmal runter und wasch mir das Gesicht."
      „Mach das.“ Sie rückte ihren Gürtel zurecht, schreckte dann aber auf, als Rost gerade die erste Sprosse der Leiter hinabstieg. „Nein, warte!“, rief sie panisch, räusperte sich dann peinlich gerührt. „Warte äh bitte. Bin gleich fertig. Wobei – ne, mach ich unten. Ich komme mit Leiter unten.“
      Rost wirkte etwas verwirrt, zuckte aber bloß die Achseln.
      "Na gut, wie du meinst. Aber hey, warte bitte, bis ich unten bin, ich muss das nicht sehen", meinte er hastig, senkte dann den Kopf und krabbelte geschwind wie eine Heuschrecke die Leiter hinab.
      Na toll, er hatte ihre Absicht nicht verstanden. Gut. Also nicht. Laiká atmete tief durch. Hier stand sie, eine stolze Gerudo aus der unerbittlichen Wüste und hatte Angst davor eine einfache Holzleiter hinab zu klettern. Pah! Niemals.
      So schnell sie konnte raufte sie ihr Zeug zusammen, warf sich die Umhängetasche über die Schulter und starrte dann konzentriert das dumme Stück Holz an. Sie versuchte erst gar nicht den Blick auf die Scheune darunter zu werfen. „Ach, das ist doch scheiße!“, rief sie schließlich laut, packte in einem Anflug von Ärger die Leiter fest in ihre Hände und drehte sich in Kletterposition um. Wild entschlossen keine solch lächerliche Blöße zu zeigen stieg sie hoch konzentriert eine Sprosse nach der anderen hinab, den Blick fest auf ihre Füße gerichtet. Ein vorsichtiger Schritt folgte dem nächsten, dabei stets behutsam nach dem nächsten trittsicheren Holz zu tasten. Das letzte Stück beendete sie kurzerhand mit einem Sprung. Schnaubend warf sie sich das Haar aus dem Gesicht und blies die Wangen auf. „Na, war ja nicht so schlimm. Zum Lachen. Blöde Gerudo“, murmelte sie zu sich selbst und stampfte schnurstracks an Rost vorbei, um Shaja zu begrüßen.
      „Bin auch fertig, können gehen. Oder vorher noch essen?“, fragte sie ihren Begleiter.
      Rost, der sich an einer Wasserschale bediente, sah mit tropfendem Gesicht zu ihr hinüber.
      "Hab einen Bärenhunger. Aber wenn es schon so spät ist, holen wir uns lieber auf dem Weg etwas."
      „Weiß nicht, ob es hier Bären gibt, aber ja, machen wir.“ Laiká nahm ihren Rubinbeutel aus der Tasche, die sie daraufhin im Reisesack des Sattels verstaute. Dabei fand sie zwei Ohrringe aus Mäuseknochen, die wohl aus ihrem Schmuckkästchen gefallen waren. Sie überlegte nicht lange, was sie heute wohl an ihren Ohren tragen wollte.
      Zusammen begaben sie sich, mit einem Zwischenstopp bei einem Bäcker, zur Gaststätte, in der Quintus und Narika übernachteten.