Eure Lieblingsgedichte?

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    • Eure Lieblingsgedichte?

      Aus schulischen Gründen wühle ich mich gerade durch Berge an lyrischen Texten - da ist mir gerade beim Stöbern mal aufgefallen, dass es noch gar keinen Thread dieser Art zu geben scheint, da dachte ich, ich mache einfach mal einen auf.

      Hier soll es um eure Lieblingsgedichte gehen - ganz gleich, von wem oder woher sie stammen, wie alt sie sind und ob ihr sie vielleicht auf Opas Dachboden in einem angeschimmeltem Buch gelesen habt, hier kann man sie vorstellen und erzählen, warum man sie gut leiden kann. Oder vielleicht gibt es Gedichte, die euch gar nicht gefallen // schon zu den Hylianerohren raus hängen? Wenn ja, warum?
      Bitte nicht vergessen, den Autor zu nennen, sonst gibt es vielleicht Ärger mit den Urheberrechten...
      Das muss jetzt nicht in ganze Analysen ausarten, will euch nicht vergraulen XD

      Eins meiner persönlichen Favoriten ist "Die Ballade vom Nachahmungstrieb" von Erich Kästner.

      Es ist schon wahr: nichts wirkt so rasch wie Gift!
      Der Mensch, und sei er noch so minderjährig,
      ist, was die Laster dieser Welt betrifft,
      früh bei der Hand und unerhört gelehrig.

      Im Februar, ich weiß nicht am wievielten,
      geschah's auf irgendeines Jungen Drängen,
      daß Kinder, die im Hinterhofe spielten,
      beschlossen, Naumanns Fritzchen aufzuhängen.

      Sie kannten aus der Zeitung die Geschichten,
      in denen Mord vorkommt und Polizei.
      Und sie beschlossen, Naumann hinzurichten,
      weil er, so sagten sie, ein Räuber sei.

      Sie steckten seinen Kopf in eine Schlinge.
      Karl war der Pastor, lamentierte viel,
      und sagte ihm, wenn er zu schrei'n anfinge,
      verdürbe er den anderen das Spiel.

      Fritz Naumann äußerte, ihm sei nicht bange.
      Die andern waren ernst und führten ihn.
      Man warf den Strick über die Teppichstange.
      Und dann begann man, Fritzchen hochzuziehn.

      Er sträubte sich. Es war zu spät. Er schwebte.
      Dann klemmten sie den Strick am Haken ein.
      Fritz zuckte, weil er noch ein bißchen lebte.
      Ein kleines Mädchen zwickte ihn ins Bein.

      Er zappelte ganz stumm, und etwas später
      verkehrte sich das Kinderspiel in Mord.
      Als das die sieben kleinen Übeltäter
      erkannten, liefen sie erschrocken fort.

      Noch wußte niemand von dem armen Kinde.
      Der Hof lag still. Der Himmel war blutrot.
      Der kleine Naumann schaukelte im Winde.
      Er merkte nichts davon. Denn er war tot.

      Frau Witwe Zwickler, die vorüberschlurfte,
      lief auf die Straße und erhob Geschrei,
      obwohl sie dort doch gar nicht schreien durfte.
      Und gegen sechs erschien die Polizei.

      Die Mutter fiel in Ohnmacht vor dem Knaben.
      Und beide wurden rasch ins Haus gebracht.
      Karl, den man festnahm, sagte kalt:
      "Wir hab'n es nur wie die Erwachsenen gemacht."


      Ich finde, Kästner schafft hier einen ganz wundervollen Kontrast zwischen der düsteren Handlung und dem einfachen, klaren Schreibstil. Ich habe dieses Gedicht mal in meinem Deutschbuch gefunden - gegen Ende der sechsten Klasse muss das gewesen sein - und ich fand es teils schockierend, dass neben Stadt-, Land-, Flussgedichten so ein einfaches, dunkles Textlein steht, aber diese scharfe Kritik hinter der simplen Geschichte einiger "spielender" Kinder... Ich weiß nicht, ich finde es faszinierend auf eine gräueliche Art und Weise. Es hat Handlung, es hat Tiefsinn und eine Moral dahinter, ohne zu geschwollen oder kitschig zu wirken, sowas erwarte ich von einem Gedicht.

      Mir fallen sicher noch weitere ein, aber erstmal seid ihr dran. =)
      Pyritheon | Charleene E. Riven | Magnolia | Yahto Rhincodon | Tar'hûna Douhana bint Hissana | Nörgel | ???

      - - - - - - - - - - - -
      »and all the pain was to protect you to see you one last time«

    • schöner Thread! :D
      Ich hab eines von einem irischen Dichter, W.B. Yeats:

      He wishes for the cloths of heaven

      HAD I the heavens' embroidered cloths,
      Enwrought with golden and silver light,
      The blue and the dim and the dark cloths
      Of night and light and the half-light,
      I would spread the cloths under your feet:
      But I, being poor, have only my dreams;
      I have spread my dreams under your feet;
      Tread softly because you tread on my dreams.



      Es stellt ein schönes Beispiel für ein Gedicht dar, welches, obwohl es kaum Form besitzt (also kein Metrum und keine Reime, lediglich Wiederholungen der letzten Wörter in der übernächsten Zeile), aber durch eine sehr bildhafte Beschreibung doch sehr lyrisch und schön wirkt. Es bietet ausführlich einen innigen Wunsch, den der Dichter erfüllen will, aber dann doch die harsche Realität; die letzte Zeile ist sogar meiner Meinung nach eines der schönsten Zeilen, die jemals geschrieben worden sind
    • Rein theoretisch ist eine Ballade etwas anderes als ein Gedicht, aber meine favoriten auf diesen Gebiet ist "Die Seeräuber-Jenny". Warum weiß ich nicht. Wir hatten diese Ballade mal in Deutsch durchgenommen und von dort an hab ich sie gemocht:
      Die Seeräuber-Jenny

      1

      Meine Herren, heute sehen Sie mich Gläser abwaschen
      Und ich mache das Bett für jeden.
      Und Sie geben mir einen Penny und ich bedanke mich schnell
      Und Sie sehen meine Lumpen und dies lumpige Hotel
      Und Sie wissen nicht, mit wem Sie reden.
      Aber eines Abends wird ein Geschrei sein am Hafen
      Und man fragt: Was ist das für ein Geschrei?
      Und man wird mich lächeln sehn bei meinen Gläsern
      Und man sagt: Was lächelt die dabei?
      Und ein Schiff mit acht Segeln
      Und mit fünfzig Kanonen
      Wird liegen am Kai.

      2

      Man sagt: Geh, wisch deine Gläser, mein Kind
      Und man reicht mir den Penny hin.
      Und der Penny wird genommen, und das Bett wird gemacht!
      (Es wird keiner mehr drin schlafen in dieser Nacht.)
      Und sie wissen immer noch nicht, wer ich bin.
      Aber eines Abends wird ein Getös sein am Hafen
      Und man fragt: Was ist das für ein Getös?
      Und man wird mich stehen sehen hinterm Fenster
      Und man sagt: Was lächelt die so bös?
      Und das Schiff mit acht Segeln
      Und mit fünfzig Kanonen
      Wird beschiessen die Stadt.

      3

      Meine Herren, da wird ihr Lachen aufhören
      Denn die Mauern werden fallen hin
      Und die Stadt wird gemacht dem Erdboden gleich.
      Nur ein lumpiges Hotel wird verschont von dem Streich
      Und man fragt: Wer wohnt Besonderer darin?
      Und in dieser Nacht wird ein Geschrei um das Hotel sein
      Und man fragt: Warum wird das Hotel verschont?
      Und man wird mich sehen treten aus der Tür am Morgen
      Und man sagt: Die hat darin gewohnt?
      Und das Schiff mit acht Segeln
      Und mit fünfzig Kanonen
      Wird beflaggen den Mast.

      4

      Und es werden kommen hundert gen Mittag an Land
      Und werden in den Schatten treten
      Und fangen einen jeglichen aus jeglicher Tür
      Und legen ihn in Ketten und bringen vor mir
      Und fragen: Welchen sollen wir töten?
      Und an diesem Mittag wird es still sein am Hafen
      Wenn man fragt, wer wohl sterben muss.
      Und dann werden Sie mich sagen hören: Alle!
      Und wenn dann der Kopf fällt, sag ich: Hoppla!
      Und das Schiff mit acht Segeln
      Und mit fünfzig Kanonen
      Wird entschwinden mit mir.


      Mein lieblingsgedich ist "Der Erlkönig." Auch hierzu hab ich keine Gekründung.

      Die Autoren sind übrigens Bertholt Brecht(Jenny) und Goethe(Erlkönig).
    • @ Yunavi:

      Ich finde ja Kästners Gedichte haben ähnlich wie die von z.B. Wilhelm Busch alle so einen schmunzlelnden Unterton, der ein bisschen augenzwinkernd ein bisschen oberlehrerartig große Wahrheiten in kleine Anekdoten verpackt. Auch hier ist dem Thema des Mordes mit der kindlichen Spielwelt der Kinder so verknüpft, dass dieser groteske Eindruck entsteht.

      Ich muss zugeben ich habe dieses Gedicht heute zum ersten Mal gelesen und bin erschüttert und gleichzeitig fasziniert. Es scheint so einfach, so unbekümmert daherzukommen. Ein Spiel, einen kleinen Jungen so aufzuhängen, wie man das bei den Großen gesehen hat, ohne die Folgen wirklich und wahrhaftig zu begreifen. Es ist eine Art Abkehr von der Sinnhaftigkeit dieses Unterfangens, die sich gleichsam in die Erwachsenenwelt übertragen lässt.

      Auf alle Fälle große Lyrik und Sprachgewalt in der Einfachheit der Worte und der Eindringlichkeit der Botschaft.

      @: Tido

      Obwohl ich mich mit englischen Gedichten häufig schwer tue, einfach weil mir Muttersprache in Gedichten viel kräftiger und von Bedeutungen schwerer klingt, muss ich sagen, dass mir das Gedicht von Yeats gefällt.

      Es ist kurz knapp und voller schöner Bilder. Eine Homage an die Träume und die Vertrautheit, diese mit anderen zu teilen. So schön der Himmel ist, so viel wertvoller und zugleich viel verletzlicher sind die eigenen Träume und das eigene Innere, dass man anderen ausliefert. Egal, wie viel Gold, Silber und wie viel Prunk man einem anderen darbieten kann, ein Zugeständnis der eigenen Seele einem anderen Menschen gegenüber ist von höherem Wert als all dies. Sehr schön :D
      ________________________________________

      Eines meiner Lieblingsgedichte ist der Panther von Rainer Maria Rilke:

      Der Panther

      Im Jardin des Plantes, Paris


      Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe

      so müd geworden, dass er nichts mehr hält.

      Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe

      und hinter tausend Stäben keine Welt.



      Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,

      der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

      ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,

      in der betäubt ein großer Wille steht.



      Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille

      sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,

      geht durch der Glieder angespannte Stille -

      und hört im Herzen auf zu sein.


      Zunächst einmal möchte ich erzählen, wie ich das allererste Mal mit diesem Gedicht in Kontakt gekommen bin, denn dies trägt mit Sicherheit dazu bei, weswegen es mich so berührte.

      Ich saß nach einem Kinobesuch mit meiner Freundin am Bahnhof und wir warteten auf den Zug nach Hause. Während wir warteten, kam zu uns ein Mann, gekleidet in grau-staubiger, zerfledderter Montur mit einer grobporigen, rötlichen Nase und dem ungepfelgten Gesicht einer armen Seele, die man gemeinhin Bettler oder Obdachloser oder gar noch verachtenswerter nennt.

      Doch anstatt uns um Geld zu bitten, begann er damit, ein Gedicht vorzutragen. Eben genau jenes. Und während er sprach begann meine Freundin, welche dieses Gedicht ebenfalls zu ihrem Lieblingsgedicht erkoren hatte, einzusetzen und die kratzende, etwas lallende Stimme des Mannes vermischte sich mit der durch Gesang geschulten, dunklen Stimme des Mädchens an meiner Seite.

      Und nun dem Inhalt dieser trüben, gefühlsleeren und dennoch so kraftvollen Wortgewalt zu lauschen, erfasste meine eigenen Gefühle und ich vermochte nicht zu sagen, weswegen ich letztlich diese Tiefe und Melancholie verspürte.

      Entsprechend wurde auch mir dieses Gedicht wichtig und ich erkannte die Wahrheit hinter den Worten, so klar und so eindeutig, dass es mir zu einem Schatz wurde.

      Vor zwei Sommern war ich sogar in der Stadt, in welchem der Käfig des Panthers stand, der Rilke dazu bewegt dieses Gedicht zu schreiben. Ich besuchte den Jardin des Plantes, besah mir die Gitterstäbe, sag die Raubtiere hinter ihnen, verspürte das gleiche aufwühlende und innerlich zermalmende Gefühl und vernahm einen kalten Hauch, als ich an den betäubten Willen, an der Glieder angespannten Stille und an das Herz des Panthers dachte.
    • Nunja eine Ballade ist eine Gedichtsform, nicht etwas anderes als ein Gedicht :D man kann fast jedes Gedicht unter einer Gedichtsform einreihen, z.B. Oden, Hymnen, Balladen, Villanellen, Haikus etc.

      Aber nur fürs Protokoll: Seeräuber-Jenny stammt aus der Drei-Groschen-Oper und ist damit eigentlich ein Lied innerhalb eines Schauspiels (sry, will eigentlich nicht klugscheißern :D)

      Der Erlkönig ist auch richtig cool, von Goethe mag ich aber auch den ironischen Totentanz:

      Der Türmer, der schaut zu Mitten der Nacht
      Hinab auf die Gräber in Lage;
      Der Mond, der hat alles ins Helle gebracht;
      Der Kirchhof, er liegt wie am Tage.
      Da regt sich ein Grab und ein anderes dann:
      Sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann,
      In weißen und schleppenden Hemden.

      Das reckt nun, es will sich ergetzen sogleich,
      Die Knöchel zur Runde, zum Kranze,
      So arm und so jung, und so alt und so reich;
      Doch hindern die Schleppen am Tanze.
      Und weil hier die Scham nun nicht weiter gebeut,
      Sie schütteln sich alle, da liegen zerstreut
      Die Hemdlein über den Hügeln.

      Nun hebt sich der Schenkel, nun wackelt das Bein,
      Gebärden da gibt es vertrackte;
      Dann klippert's und klappert's mitunter hinein,
      Als schlüg' man die Hölzlein zum Takte.
      Das kommt nun dem Türmer so lächerlich vor;
      Da raunt ihm der Schalk, der Versucher, ins Ohr:
      Geh! hole dir einen der Laken.

      Getan wie gedacht! und er flüchtet sich schnell
      Nun hinter geheiligte Türen.
      Der Mond, und noch immer er scheinet so hell
      Zum Tanz, den sie ...h führen.
      Doch endlich verlieret sich dieser und der,
      Schleicht eins nach dem andern gekleidet einher,
      Und, husch, ist es unter dem Rasen.

      Nur einer, der trippelt und stolpert zuletzt
      Und tappet und grapst an den Grüften;
      Doch hat kein Geselle so schwer ihn verletzt,
      Er wittert das Tuch in den Lüften.
      Er rüttelt die Turmtür, sie schlägt ihn zurück,
      Geziert und gesegnet, dem Türmer zum Glück,
      Sie blinkt von metallenen Kreuzen.

      Das Hemd muß er haben, da rastet er nicht,
      Da gilt auch kein langes Besinnen,
      Den gotischen Zierat ergreift nun der Wicht
      Und klettert von Zinne zu Zinnen.
      Nun ist's um den armen, den Türmer getan!
      Es ruckt sich von Schnörkel zu Schnörkel hinan,
      Langbeinigen Spinnen vergleichbar.

      Der Türmer erbleichet, der Türmer erbebt,
      Gern gäb er ihn wieder, den Laken.
      Da häkelt – jetzt hat er am längsten gelebt –
      Den Zipfel ein eiserner Zacken.
      Schon trübet der Mond sich verschwindenden Scheins,
      Die Glocke, sie donnert ein mächtiges Eins,
      Und unten zerschellt das Gerippe.


      Edit: oh, da war ja noch ein Post :D schön, dass dir Yeats gefällt; er hat noch viele weitere tolle Gedichte geschrieben, kann ich nur empfehlen!

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Tido ()

    • RE: Eure Lieblingsgedichte?

      Zählen auch eigene Kreationen? :D
      Wenn ja, dann ist es:
      Wortwahl, Original von Christopher Overdiek
      Auf- und Ab- und Vor- und Nachschlag,
      Sams- und Sonn- und Mon- und Dienstag,
      Rotkohl, Blaukohl, Blumenkohl,
      Südpol, Nordpol, Metropol,

      was soll'n diese verdrehten Worte,
      Taten, Zeiten, Schriften, Orte?
      Wer soll das alles denn versteh'n,
      wenn Dichter alles so verdreh'n?

      Versteht Ihr mich?
      Eher schon, eher nich'?
      Ich geh mal aus von "Nein".
      Wartet, ich zeig' Euch, was ich mein'!

      "Ein Gabelstapler ist ein Mann,
      der viele Gabeln stapeln kann!"
      Da hat der Dichter was verdreht!
      Naja, egal, jetzt ist's zu spät.

      "Fernseher schauen oft und gerne
      mit dem Fernglas in die Ferne!"
      Ich dacht', wir hätten das geklärt.
      Hallo, Mann, das ist verkehrt!

      "Spielst du Fußball, so sei dir klar:
      Schießen und köpfen birgt Lebensgefahr!"
      Es ist vergeudete Liebesmüh.
      Die Wortwahl eines Dichters ändert sich nie!
      ____
      /:taya: :fairy1: \
      | :linkhorror: |
      | __ /
      | /
      |/
      :linktotired:
    • Ich weiß nicht, ob ich direkt ein Lieblingsgedicht habe. Es gibt so viele unheimlich schöne, berührende, teifgründige [...] Gedichte, die so viel ausdrücken...

      Aber ich schreib einfach mal eins der ersten, die mir so eingefallen sind....

      Das Gedicht ist aus dem Buch Erebos, und dort von der, vielleicht so 16,17 jährigen Emily geschrieben. Der Autor des Buches, und somit also auch des Gedichtes ist Ursula Poznanski.
      Nacht
      Nacht

      In meinem Bett
      halte ich Wache
      hinter einem Palisadenzaun
      von Kissen und Decken.
      mit weit geöffneten Augen
      spähe ich nach flüsternden Geschöpfen,
      die das Tageslicht scheuen,
      dunkle Zwillinge meiner Gedanken.
      Mit ausgestreckten Armen
      taste ich nach Vertrautem
      und finde nicht einmal mich selbst.
      Nur die Gebetsmühle in meinem Kopf rattert
      gleichmäßig, unverständlich, wahnsinnig
      und ich bete um Waffenstillstand
      zwischen Tag und Nacht,
      um Sandkörner in den Augen
      und das erste Licht des Morgens,
      das bleich ist wie du.
      Wenn du fällst, vergiss zwei Dinge nicht:
      Wer dich gestoßen hat
      Und wer dich nicht festgehalten hat
    • @Buffbuff

      Vom Genre her eigentlich nicht das, was ich zur Zeit lese. Aber die Schreibweise ist einfach so unglaublich gut und fesselnd...
      Und das Gedicht ist einfach echt verdammt schön.

      Ich hab noch nen seeehr langes Gedicht. Ungereimt, von Ulrich Schaffer geschrieben. Aber meiner Meinung nach echt gut.

      Weil du echt sein willst
      Du wirst heimgesucht von dem Wunsch,
      echt zu sein,
      dich nicht mehr künstlich zu verhalten,
      nicht mehr an deine Wirkung zu denken.
      Du willst dich nicht mehr zurücknehmen
      Aus Angst, nicht verstanden zu werden
      Oder zu verletzen.

      Du willst nicht mehr Worte sagen,
      die du nicht meinst,
      und nicht mehr ein Gesicht anlegen,
      das dich verkrampft.
      Du willst nicht mehr die Verkleidungen,
      die Masken und das Schauspiel-
      Du willst du selbst sein, ganz entsoannt,
      ein Mensch unter Menschen.

      Und du fragst dich,
      ob für dich Platz ist in der Welt,
      für dich, so wie du bist.

      Du willst die Spiele nicht mehr mitmachen,
      bei denen du unecht sein musst
      und dich von dir selbst entfernst.
      Bei den Spielen, die so heißen:
      Ich merke nichts,
      Ich hab ein dickes Fell,
      Jeder muss immer glücklich wirden,
      Ich bin die Beste,
      Ich bin der, den keiner liebt.
      Du wehrst dich
      Gegen die Verzerrung des eigenen Wesens,
      gegen die Harmonie um jeden Preis,
      gegen die Spiele der Entwürdigung.

      Wenn du tust,
      was du nicht bist,
      wächst eine stille Abneigung
      dir selbst gegenüber.
      Wenn du mit dir machen lässt,
      was dir fremd ist,
      beginnst du dich zu verachten.
      Wenn du echt wirst,
      auch wenn es schmerzt,
      dich und andre dann hat das tiefe Glück eine Chance.

      Du suchst nach einer tiefen Begegnung,
      in der auch dein innerstes Wesen eingeladen ist,
      sich zu zeigen.
      Wo du selbst erkennst,
      wie du bist
      in dem Spiegel des anderen,
      und dein Gegenüber
      sich selbst ebenso begegnet,
      in dem Wunder des offenen Auges,
      wach in Schmerz und Glück.

      Es gibt andere wie dich,
      die auch suchen
      und dich entdecke
      wie du sie.

      Du spürst, dass du einen Kern hast,
      ein inneres Wesen,
      wo du wirklich du selbst bist.
      Handlungen und Gedanken,
      due aus diesem Kern kommen,
      sind gefüllt mit dir,
      mit deinen Handlungen und Gedanken.

      Du spürst auch,
      dass dein Kern noch entwickelt werden kann,
      dass deinem Wesen
      noch viel Unechtes anhängt.
      Wer bin ich?, fragst du
      Und entscheidest dich,
      dir nachzugehen,
      dich auszustrecken
      nach dem, was du sein könntest.

      Du bist umgeben von einer Welt,
      die dich oft lieber in einer Rolle hat
      und nicht in der Kantigkeit deines Echtseins.
      Man wünscht dich warm und anschmiegsam.
      Du sollst nicht auffallen.
      Man bietet dir an,
      die kleinen Lügen zu leben,
      die alles erleichtern.
      So bist du angesehen und beliebt.

      Aber es gibt auch die,
      die glücklich sind,
      wenn sie auf diene Echtheit stoßen,
      die sie ermutigt,
      selbst auch echt zu sein.

      Können wir einander Anstoßen sein,
      das Versteckspielen aufzugeben?
      Wollen wir echt werden und das Eis,
      das unsere Herzen umlagert, schmelzen?

      Gerade weil du echt sein willst,
      entdeckst du ungeahnte Seiten an dir.
      Da gibt es still Leuchtendes,
      das nur dem Bedächtigen sichtbar wird.
      Auch Dunkles ist da.
      Es ist ein Hintergrund,
      der wie ein erschreckender Abgrund wirkt.
      Und wie eine immer kleinere Puppe in der Puppe
      Sind deine Gedanken in Gedanken verschachtelt:
      In dir stecken Kräfte,
      die ermutigen und befremden,
      stören und befreien,
      beglücken und verletzen.

      Du bist vielschichtiger,
      einsichtiger,
      erstaunlicher,
      erstaunlich anders
      und viel mehr,
      als du dachtest.

      Manche finden dich komisch,
      weil du echt sein willst
      und bereit bist,
      dafür einen hohen Preis zu zahlen.

      Sie haben sich selbst schon so weit verlassen,
      dass sie ihr eigenes Wesen
      aus den Augen verloren haben.

      Es befremdet sie,
      dass ein Mensch sich selbst sucht
      und Sehnsucht nach dem hat,
      was er in sich nur ahnt.

      Nur wenn du echt bist,
      hast du letztlich Frieden mit dir selbst.
      Sonst zerstörst du dich
      Im Kampf gegen dich selbst.

      Vorschichtig begibst du dich in ein Gespräch
      Und hoffst, dass dein Gegenüber
      An deinen tiefen Seiten interessiert ist.
      Du trägst Kostbarkeiten in dir
      Und bist nicht willig,
      sie vor irgendwem auszubreiten
      wie billige Ware.

      Dein echtes Wesen in seiner Tiefe
      Ist ein geschenk an den anderen.
      Dein Herz offenbarst du nur denen,
      die selbst ein Herz haben
      und bereit sind, es zu zeigen.

      Weil du echt sein willst,
      brauchst du Zeit für dich.
      Echtheit entsteht nicht
      Im Hasten und Jagen.

      Du brauchst Stunden der Selbstprüfung,
      des Fragens und Suchens:
      Was willst du und was nicht?
      Du hast Tage nötig,
      die der Entdeckung gewidmet sind.
      In Zeiten der Leere
      Kann etwas in dir wach werden.
      Du brauchst Stille,
      um deine tiefen Wünsche wahrzunehmen
      und sie ernsthaft zu verfolgen.

      Weil du echt sein willst,
      wirft man dir vor,
      dass du nur an dich selbst denkst
      und begreift dabei nicht,
      dass wir einander nur so weit finden,
      wie wir uns selbst gefunden haben.

      Wir überwinden die tiefe Kluft
      Zum anderen
      Nur über die Brücke der Selbsterkenntnis
      In dem Maße,
      wie wir uns selbst verstehen,
      werden wir einander verstehen.

      Weil du echt sein willst,
      fällt dir jede Unechtheit stärker auf.
      Du bist wacher für das Künstliche,
      für die kleinen Töuschungen.
      Du durchschaust die leeren Worte,
      erkennst deine eigene Grimasse
      und hörst das übertriebene Lachen,
      hinter dem ein Mensch
      seine Enttäuschung verstekckt.

      Wenn du dir dann vorstellst,
      wie es sein könnte,
      wenn wir alle echt wären
      und einander in die Augen sehen könnten,
      dann leidest du daran,
      dass wir noch so weit entfernt davon sind.
      Aber ist es nicht ein Ziel,
      für das es sich zu leben lohnt?
      Jeder kann bei sich beginnen.

      Sei dem treu,
      was in dir entsteht
      und lebe nicht nach den Werten anderer.
      Was du bist, hast du zu geben.
      Deine Echtheit ist dein Beitrag,
      nicht deine Fähigkeit,
      die anderen nachzuahmen
      und so zu leben wie sie.

      Wenn du echt sein willst, musst zu lernen, „nein“ zu sagen
      Zu dem, was dich erstickt.
      Dann wirst du zu dem finden,
      was dir entspricht und darin aufblühen.

      Weil du echt bist,
      wirkst du anziehend.
      Mit dir weiß man, woran man ist.
      Was du sagst, meinst du.
      Was du glaubst, lebst du.
      Wenn du schweigst, ist es kein Trick,
      mit dem du etwas erreichen willst.
      Du wirkst befreiend.

      Es ist nicht schwer,
      dich im ersten Augenblick zu lieben.
      Manchmal ist es schwerer,
      dich weiter zu lieben,
      wenn du echt bleibst.
      Und noch schwerer ist es,
      dich zu ermuntern, echt zu bleiben,
      auch wenn du andere verletzt
      und ihnen wehtust.

      Echt sein heißt, aufrecht gehen,
      sichtbar werden in dem Grau,
      sich erinnern an Träumen und Hoffnungen
      und nicht aufgeben
      im Kampf gegen MIttelmäßigkiet.

      Echt werden
      Ist wie eine Heimkehr
      Zu uns selbst.

      Wieder da sein,
      wo wir begonnen haben,
      das Paradies
      noch einmal bewohnen,
      diesmal bewusst.

      Uns nicht mehr vertreiben lassen,
      von der Seite Gottes,
      der in uns wohnt.



      Und ja -.- Ich hab das alles abgetiptt.
      Wenn du fällst, vergiss zwei Dinge nicht:
      Wer dich gestoßen hat
      Und wer dich nicht festgehalten hat

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Maya-Bo ()

    • Ui, das freut mich aber, dass es hier soviele Rückmeldungen gibt. =)

      @Erolatilon: Wow, dann scheinst du ja einen sehr persönlichen Bezug zu dem Gedicht zu haben, das war bestimmt ein sehr einprägendes Erlebnis. Besonders, wenn man in solch einem Moment gar nicht damit gerechnet hat, dass im nächsten soetwas passieren könnte. Ich finde auch das Bild sehr eindrucksvoll, das durch lediglich drei Strophen gezeichnet wird. Kurz, aber dennoch eindrucksvoll... Mir ist gerade richtig die Lust vergangen, irgendwann in meinem Leben nochmal in einen Zirkus zu gehen.


      @MAWE & Tido: Stimmt, Goethe hat auch sehr viele Gedichte geschrieben, die mir gut gefallen. Der Erlkönig ist einer der zeitlosen Klassiker, mit denen ich früher zuallerst in Kontakt gekommen bin - fand ich damals schon toll, wenn auch dezent gruselig. *g*

      @Buffbuff:
      Original von Buffbuff99
      Wortwahl, Original von Christopher Overdiek
      "Ein Gabelstapler ist ein Mann,
      der viele Gabeln stapeln kann!"

      Schön gedichtet, die Stelle gefällt mir ganz besonders. Musste echt schmunzeln. :XD:

      @Maya-Bo: Mir gefällt besonders das erste Gedicht sehr. Habe mir intressenshalber mal den Roman angeschaut, von dem die Rede war, und die Inhaltsbeschreibung liest sich sehr interessant. Erinnert mich ein bisschen an den Manga "Ousama Game".

      - - - - - - - - - - - - - -

      Ist ja, wenn man sich meine Profilseite anschaut, kein großes Geheimnis, dass ich ein großer Fan vom Sams bin. Habe den Autor Paul Maar auch schon einmal persönlich bei einer Lesung getroffen, ein echt netter Herr ist das.
      Dieses Gedicht heißt "Udakak und Lidokork". =)

      Ein großes grünes Lidokork
      Das badete im Nil.
      Dann stieg es rückwärts aus dem Fluß -
      und war ein Krokodil.
      Da rennt zum kleinen Udakak
      Das grüne Ungetüm.
      „Flieg rückwärts aus dem Wald heraus!“
      Befiehlt es ungestüm.
      Der kleine schüttelte den Kopf.
      Er war zu faul dazu.
      Drum wurde aus dem Udakak
      Niemals ein Kakadu.



      Ich weiß nicht, ich mag diesen witzigen, simplen Unterton einfach. Früher habe ich meine Familie immer mit dem Rezitieren von sowas unterhalten. :'D
      Pyritheon | Charleene E. Riven | Magnolia | Yahto Rhincodon | Tar'hûna Douhana bint Hissana | Nörgel | ???

      - - - - - - - - - - - -
      »and all the pain was to protect you to see you one last time«

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Yunavi ()

    • Ich habe das Gedicht in der Grundschule gelernt, und ich kann es bis heute auswendig aufsagen.
      Es ist von Theodor Fontane und heißt "Herr Ribbeck von Ribbeck im Havelland"
      Ich finde das Gedicht richtig toll, nicht nur, weil Birnen mein Lieblingsobst ist.
      Lest selbst. :3




      Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
      Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
      Und kam die goldene Herbsteszeit
      Und die Birnen leuchteten weit und breit,
      Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
      Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
      Und kam in Pantinen ein Junge daher,
      So rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«
      Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
      Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.«


      So ging es viel Jahre, bis lobesam
      Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
      Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,
      Wieder lachten die Birnen weit und breit;
      Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.
      Legt mir eine Birne mit ins Grab.«
      Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
      Trugen von Ribbeck sie hinaus,
      Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
      Sangen »Jesus meine Zuversicht«,
      Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
      »He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?«


      So klagten die Kinder. Das war nicht recht -
      Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
      Der neue freilich, der knausert und spart,
      Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
      Aber der alte, vorahnend schon
      Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
      Der wußte genau, was damals er tat,
      Als um eine Birn' ins Grab er bat,
      Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
      Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.


      Und die Jahre gingen wohl auf und ab,
      Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
      Und in der goldenen Herbsteszeit
      Leuchtet's wieder weit und breit.
      Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,
      So flüstert's im Baume: »Wiste 'ne Beer?«
      Und kommt ein Mädel, so flüstert's: »Lütt Dirn,
      Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn.«


      So spendet Segen noch immer die Hand
      Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von GhostBride ()

    • Hier eines meiner Lieblingsgedichte zum Nachdenken von j.w.waldeck, entnommen aus dem Buch I der Maschinenträume. Seine Bücher sind hier zu kaufen.

      Staatsgeheimnisse
      "Zeitraffer:
      erbärmliche Nachahmer
      deren Lebenssinn Belohnung ist!
      vergebliche Schicksale
      durchfließen Transgene
      üben Mitarbeiter Systemhygiene
      GEWISSEN=Haft befreit
      durch Befehlsannahme
      .
      Winfried Eater
      AgitationsAgent
      Tarnabteilung für Entwicklungsdummys*
      bei DESIRE DOGMA
      verschollen nach dem letzten Wirtschaftskrieg
      .
      .
      Jokai, wiederholten sie mit Lob
      deine Tüchtigkeit bringt dich hoch
      je unersetzlicher du dich machst
      wirst sehn -
      sie lassen dich nimmer gehn
      .
      und richtig!
      zuviel Wissen wird kostenpflichtig
      .
      .
      die Regierungsaufträge
      die Klonanlagen und Wirtschaftslügen
      das Genfutter und die Bürgerspionage
      wie konnte er glauben
      zu ernten ohne dafür zu büßen?
      .
      Jokai, wiederholten sie mit Lob
      Recht hat immer der Erfolg
      je besser du dich anpasst
      wirst sehn -
      es wird an nichts fehln…
      .
      im Auftrag der Kartell=Landhalter
      entschärfte er innovative Gestalter
      .
      gilt offiziell als tot bei Frau und Kind
      - ist Eigentum des Unter=Nehmens
      das nicht die Tüchtigen oben sind
      ein Privileg des Ver s t e h e n s
      .
      Jokai, wiederholten sie mit Lob
      bring mit uns die Welt ins Lot
      je besser du dich einbringst
      wirst sehn -
      darfst irgendwann an den Geschicken drehn
      .
      wieviele unterirdische Zentren es gibt
      - was Nutzlosen geschieht -
      deren Wissen wahrer Hintergründe
      durch Mächtige Verderben sanktioniert"
      Goldjunge
    • Original von GhostBride
      Ich habe das Gedicht in der Grundschule gelernt, und ich kann es bis heute auswendig aufsagen.
      Es ist von Theodor Fontane und heißt "Herr Ribbeck von Ribbeck im Havelland"
      Ich finde das Gedicht richtig toll, nicht nur, weil Birnen mein Lieblingsobst ist.
      Lest selbst. :3




      Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
      Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
      Und kam die goldene Herbsteszeit
      Und die Birnen leuchteten weit und breit,
      Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
      Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
      Und kam in Pantinen ein Junge daher,
      So rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«
      Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
      Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.«


      So ging es viel Jahre, bis lobesam
      Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
      Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,
      Wieder lachten die Birnen weit und breit;
      Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.
      Legt mir eine Birne mit ins Grab.«
      Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
      Trugen von Ribbeck sie hinaus,
      Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
      Sangen »Jesus meine Zuversicht«,
      Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
      »He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?«


      So klagten die Kinder. Das war nicht recht -
      Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
      Der neue freilich, der knausert und spart,
      Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
      Aber der alte, vorahnend schon
      Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
      Der wußte genau, was damals er tat,
      Als um eine Birn' ins Grab er bat,
      Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
      Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.


      Und die Jahre gingen wohl auf und ab,
      Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
      Und in der goldenen Herbsteszeit
      Leuchtet's wieder weit und breit.
      Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,
      So flüstert's im Baume: »Wiste 'ne Beer?«
      Und kommt ein Mädel, so flüstert's: »Lütt Dirn,
      Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn.«


      So spendet Segen noch immer die Hand
      Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.


      *Wäh* ich kann Birnen nicht ausstehen :D aber das Gedicht ist wirklich genial und unglaublich niedlich.

      Aber Gedichte aus der Schule erinnert mich gerade an John Maynard:

      John Maynard!
      "Wer ist John Maynard?"
      "John Maynard war unser Steuermann,
      aushielt er, bis er das Ufer gewann,
      er hat uns gerettet, er trägt die Kron',
      er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
      John Maynard."

      Die "Schwalbe" fliegt über den Erie-See,
      Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee;
      von Detroit fliegt sie nach Buffalo -
      die Herzen aber sind frei und froh,
      und die Passagiere mit Kindern und Fraun
      im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,
      und plaudernd an John Maynard heran
      tritt alles: "Wie weit noch, Steuermann?"
      Der schaut nach vorn und schaut in die Rund:
      "Noch dreißig Minuten ... Halbe Stund."

      Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei -
      da klingt's aus dem Schiffsraum her wie Schrei,
      "Feuer!" war es, was da klang,
      ein Qualm aus Kajüt und Luke drang,
      ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
      und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.

      Und die Passagiere, bunt gemengt,
      am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,
      am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
      am Steuer aber lagert sich´s dicht,
      und ein Jammern wird laut: "Wo sind wir? wo?"
      Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo. -

      Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
      der Kapitän nach dem Steuer späht,
      er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
      aber durchs Sprachrohr fragt er an:
      "Noch da, John Maynard?"
      "Ja,Herr. Ich bin."

      "Auf den Strand! In die Brandung!"
      "Ich halte drauf hin."
      Und das Schiffsvolk jubelt: "Halt aus! Hallo!"
      Und noch zehn Minuten bis Buffalo. - -

      "Noch da, John Maynard?" Und Antwort schallt's
      mit ersterbender Stimme: "Ja, Herr, ich halt's!"
      Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
      jagt er die "Schwalbe" mitten hinein.
      Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
      Rettung: der Strand von Buffalo!

      Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.
      Gerettet alle. Nur einer fehlt!

      Alle Glocken gehn; ihre Töne schwell'n
      himmelan aus Kirchen und Kapell'n,
      ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,
      ein Dienst nur, den sie heute hat:
      Zehntausend folgen oder mehr,
      und kein Aug' im Zuge, das tränenleer.

      Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
      mit Blumen schließen sie das Grab,
      und mit goldner Schrift in den Marmorstein
      schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:

      "Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand
      hielt er das Steuer fest in der Hand,
      er hat uns gerettet, er trägt die Kron,
      er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
      John Maynard."


      -----------------------------------------------------------------------
      Als Romanschreiber kann ich Fontane wirklich nicht ausstehen, aber als Dichter war er genial!
    • Die Königin wurde vom König entfürt,
      am Ende siegte er.
      Es ist vollbracht,
      er hat die Macht.
      Uns gehört das Meer!

      Jo, ho. Stehn' zusammen.
      Bis die Flagge zeigt sie!
      Soll'n sie uns verdammen,
      doch wir sterben nie.

      Das ist so ein Lied aus Fluch der Karibik 3. Wer es auch auswendig kann, und in dem Text ist ein Fehler: Bitte Verzeiung.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Yliane ()

    • Wir hatten vor ein paar Monaten eine Einheit "Lyrik der Romantik" in der Schule, und in diesem Zusammenhang haben wir natürlich Joseph Freiherr von Eichendorff gemacht. Dazu gefällt mir vor allem dieses Gedicht:

      Mondnacht

      Es war, als hätt der Himmel
      Die Erde still geküßt,
      Daß sie im Blütenschimmer
      Von ihm nun träumen müßt.
      Die Luft ging durch die Felder,
      Die ähren wogten sacht,
      Es rauschten leis die Wälder,
      So sternklar war die Nacht.

      Und meine Seele spannte
      Weit ihre Flügel aus,
      Flog durch die stillen Lande,
      Als flöge sie nach Haus.
    • Hier mal ein Gedicht, das wir gerade im Deutschunterricht behandelt haben, was mir wirklich sehr gut gefällt.
      Auf den ersten Blick ein wenig komisch, lest es am besten zwei, drei Mal durch, dann wird es sinnvoller. ^-^

      Ulla Hahn - Bildlich gesprochen
      [1981]


      Wär ich ein baum ich wüchse
      dir in die hohle Hand
      und wärst du das Meer ich baute
      dir weiße Burgen aus Sand.

      Wärst du eine Blume ich grübe
      dich mit allen Wurzeln aus
      wär ich ein Feuer ich legte
      in sanfte Asche dein Haus.

      Wär ich eine Nixe ich saugte
      dich auf den Grund hinab
      und wärst du ein Stern ich knallte
      dich vom Himmel ab.

      Das Gedicht gefällt mir deshalb so gut, weil es irgendwie gerade zu meiner Situation passt, und ich die Stilmittel, welche Ulla Hahn verwendet sehr schön und passend finde. Die Embajements machen das Gedicht ein wenig anspruchsvoller, und, dass es ein abcb-Reim ist, macht das Gedicht irgendwie 'interessanter'.
      Sie verwendet eher ungewöhnliche Vergleiche, jedoch macht genau diese 'Ungewöhnlichkeit' das Gedicht aus.
    • Heute gibts von mir einen weiteren Eichendorff - In der Fremde

      Aus der Heimat hinter den Blitzen rot
      Da kommen die Wolken her,
      Aber Vater und Mutter sind lange tot,
      Es kennt mich dort keiner mehr.

      Wie bald, ach wie bald kommt die stille Zeit,
      Da ruhe ich auch, und über mir
      Rauscht die schöne Waldeinsamkeit,
      Und keiner kennt mich mehr hier.


      --------------------------------------

      Das ist natürlich SEHR typisch romantisch, mit der Verschönerung des Todes, der Sehnsucht nach Heimat und der Natur (Waldeinsamkeit); stellenweise sehr verbittert in der ersten Strophe, welches aber in der zweiten wieder relativiert wird. Dazu gibt es ein recht freies Metrum, wobei es immer zwischen 4 und 3 Hebungen abwechselt, ohne jedoch ein klares Metrum aufzunehmen. Gefällt mir gut.. okay, Eichendorff war allgemein gut :D
    • *Staub wegpust*
      Ich wollte schon seit Ewigkeiten ein Thema dazu aufmachen. Aber wenn es schon einen gibt, wollen wir den doch mal wiederbeleben. ^^

      Im Deutschunterricht habe ich die Romantik irgendwie für mich entdeckt. Das Sehnsuchtsmotiv, die Natur, dieses leicht verklärte... das hab ich wirklich gern. Ganz besonders mag ich ja Eichendorff und da auch wieder Mondnacht, was hier ja schon erwähnt wurde.

      Was ich auch schön finde sind Erlkönig und auf jeden Fall Prometheus von Goethe. :D Warum ich Erlkönig mag, kann ich gar nicht mal so pauschal sagen. Doch Prometheus hingegen mag ich wegen dieses typischen Sturm und Drang Motives - Auflehnung gegen Autoritäten, in diesem Falle Gott (Zeus) persönlich. Yeah, Prometheus, zeig's ihm! x3
      Johann Wolfgang von Goethe
      Erlkönig
      Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
      Es ist der Vater mit seinem Kind;
      er hat den Knaben wohl in dem Arm,
      er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.

      Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –
      Siehst Vater, du den Erlkönig nicht?
      Den Erlkönig mit Kron' und Schweif? –
      Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.

      "Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
      Gar schöne Spiele spiel' ich mit dir;
      manch bunte Blumen sind an dem Strand,
      meine Mutter hat manch gülden Gewand."

      Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
      was Erlenkönig mir leise verspricht? –
      Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind:
      In dürren Blättern säuselt der Wind.

      "Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
      Meine Töchter sollen dich warten schön;
      meine Töchter führen den nächtlichen Reihn,
      und wiegen und tanzen und singen dich ein."

      Mein Vater, mein Vater und siehst du nicht dort
      Erlkönigs Töchter am düstern Ort? –
      Mein Sohn, mein Sohn, ich seh' es genau:
      Es scheinen die alten Weiden so grau.

      "Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
      und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt."
      Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an!
      Erlkönig hat mir ein Leids getan! –

      Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
      er hält in den Armen das ächzende Kind,
      erreicht den Hof mit Mühe und Not;
      in seinen Armen das Kind war tot.

      Prometheus
      Bedecke deinen Himmel, Zeus,
      Mit Wolkendunst!
      Und übe, Knaben gleich,
      Der Disteln köpft,
      An Eichen dich und Bergeshöh'n!
      Mußt mir meine Erde
      Doch lassen steh'n,
      Und meine Hütte,
      Die du nicht gebaut,
      Und meinen Herd,
      Um dessen Glut
      Du mich beneidest.

      Ich kenne nichts Ärmeres
      Unter der Sonn' als euch Götter!
      Ihr nähret kümmerlich
      Von Opfersteuern
      Und Gebetshauch
      Eure Majestät
      Und darbtet, wären
      Nicht Kinder und Bettler
      Hoffnungsvolle Toren.

      Da ich ein Kind war,
      Nicht wußte, wo aus, wo ein,
      Kehrt' ich mein verirrtes Auge
      Zur Sonne, als wenn drüber wär
      Ein Ohr zu hören meine Klage,
      Ein Herz wie meins,
      Sich des Bedrängten zu erbarmen.

      Wer half mir
      Wider der Titanen Übermut?
      Wer rettete vom Tode mich,
      Von Sklaverei?
      Hast du's nicht alles selbst vollendet,
      Heilig glühend Herz?
      Und glühtest, jung und gut,
      Betrogen, Rettungsdank
      Dem Schlafenden dadroben?

      Ich dich ehren? Wofür?
      Hast du die Schmerzen gelindert
      Je des Beladenen?
      Hast du die Tränen gestillet
      Je des Geängsteten?
      Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
      Die allmächtige Zeit
      Und das ewige Schicksal,
      Meine Herren und deine?

      Wähntest du etwa,
      Ich sollte das Leben hassen,
      In Wüsten fliehn,
      Weil nicht alle Knabenmorgen-
      Blütenträume reiften?

      Hier sitz' ich, forme Menschen
      Nach meinem Bilde,
      Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
      Zu leiden, weinen,
      Genießen und zu freuen sich,
      Und dein nicht zu achten,
      Wie ich!


      Tatsächlich sind aber meine drei Lieblingsgedichte gar keine wirklich "klassischen" Gedichte. (Und alle mit einem recht negativen Unterton, wie ich gerade feststelle. o.o) Wie folgt:
      Hermann Hesse - [i
      Traurigkeit[/i]]Die mir noch gestern glühten,
      Sind heut dem Tod geweiht,
      Blüten fallen um Blüten
      Vom Baum der Traurigkeit.

      Ich seh sie fallen, fallen
      Wie Schnee auf meinen Pfad,
      Die Schritte nicht mehr hallen,
      Das lange Schweigen naht.

      Der Himmel hat nicht Sterne,
      Das Herz nicht Liebe mehr,
      Es schweigt die graue Ferne,
      Die Welt ward alt und leer.

      Wer kann sein Herz behüten
      In dieser bösen Zeit?
      Es fallen Blüten um Blüten
      Vom Baum der Traurigkeit.

      Als ich es das erste mal im Kunstunterricht (Thema: Kalligraphie) gelesen habe, war ich einfach nur überwältigt von dem so schön düsteren Ton im Gedicht. Ich fand es wunderschön - wohlgemerkt als einzige. :lol:
      Wenn ich es mir heute anschaue und das Veröffentlichungsdatum betrachte (1944), sehe ich es schon wieder etwas anders. Aber ich mag es auf jeden Fall. ^^

      Nelly Sachs - [i
      Chor der Geretteten[/i]]Wir Geretteten,
      Aus deren hohlem Gebein der Tod schon seine Flöten schnitt,
      An deren Sehnen der Tod schon seinen Bogen strich -
      Unsere Leiber klagen noch nach
      Mit ihrer verstümmelten Musik.
      Wir Geretteten,
      Immer noch hängen die Schlingen für unsere Hälse gedreht
      Vor uns in der blauen Luft -
      Immer noch füllen sich die Stundenuhren mit unserem tropfenden Blut.
      Wir Geretteten,
      Immer noch essen an uns die Würmer der Angst.
      Unser Gestirn ist vergraben im Staub.
      Wir Geretteten
      Bitten euch:
      Zeigt uns langsam eure Sonne.
      Führt uns von Stern zu Stern im Schritt.
      Laßt uns das Leben leise wieder lernen.
      Es könnte sonst eines Vogels Lied,
      Das Füllen des Eimers am Brunnen
      Unseren schlecht versiegelten Schmerz aufbrechen lassen
      Und uns wegschäumen -
      Wir bitten euch:
      Zeigt uns noch nicht einen beißenden Hund -
      Es könnte sein, es könnte sein
      Daß wir zu Staub zerfallen -
      Vor euren Augen zerfallen in Staub.
      Was hält denn unsere Webe zusammen?
      Wir odemlos gewordene,
      Deren Seele zu Ihm floh aus der Mitternacht
      Lange bevor man unseren Leib rettete
      In die Arche des Augenblicks.
      Wir Geretteten,
      Wir drücken eure Hand,
      Wir erkennen euer Auge -
      Aber zusammen hält uns nur noch der Abschied,
      Der Abschied im Staub
      Hält uns mit euch zusammen.

      Veröffentlicht 1946, als Thema der Holocaust (oder Die Shoah). Mir hängt dieses Thema inzwischen zu den Ohren heraus, weil ich es schon zum gefühlt 50sten Mal im Unterricht durchnehmen "durfte" und man es jedes Jahr auch wieder zum Jahrestag des Endes des WW II vorgehalten bekommt. Aber dieses Gedicht hat mich wirklich berührt (zumahl ich nicht leugne, dass es ein wichtiges Thema ist) vor allem durch diesen leicht zynischen Gegensatz zwischen dem Ausdruck "Geretteten" und dem Inhalt des Gedichtes.

      JaffarAnjuhal - [i
      Mein Herz[/i]]Verätz mein Herz
      Und brich mir meine Knochen wieder gerade
      Koch mein Hirn im Eigensaft
      Es schmerzt so gut

      Salz verkrustet meine Wangen
      Und ich lächle strahlend in die Trauer rein
      Fliege frei im Gegenwind
      So regungslos, verdreht auf der tiefroten Straße

      Zerreiß mich zusammen
      Ich will nicht, will doch
      Und ich erzittere, schaudere
      Fürchte die Stille meiner Schreie

      Und ich hasse die Ungewissheit
      Aber die Gewissheit würd mich entflammen
      Fleisch und Knochen zu Asche einen
      Und ich würd frieren

      Dann auferstehen unter Pein
      Achtlos zurückgeworfen in die Welt
      Alle Freiheit, keine Grenzen, keine Aussicht
      Niemanden

      Zerteil mein Herz
      Und brich mir meine Knochen
      Schneid mir die Muskelstränge durch
      Und lach mit mir in Ignoranz

      Lass mich liegen
      Lass mich leiden
      Ich verabscheue den Schmerz
      Doch brauche ihn, denn ohne wüsst ich heut noch nicht
      In meinem Brustkorb schlägt ein Herz

      Ja, eines meiner Lieblingsgedichte ist von einem hier aus dem Forum, dem guten Mar-kun. :D Und ich mag es vor allem, weil ich mich so gut selbst darin sehe.
      »Ein Gelehrter in einem Laboratorium ist nicht nur ein Techniker,
      er steht auch vor den Naturvorgängen wie ein Kind vor einer Märchenwelt.«


      ~ Marie Curie
    • @ Kria

      Oh, den Chor der Geretteten hatten wir damals auch im Unterricht. Das Gedicht von Hermann Hesse kannte ich so noch nicht, aber Hesse liebe ich ja sowieso und das Gedicht ist wunderschön.

      Wenn es um Gedichte geht, bin ich ein großer Bewunderer von Paul Celan.
      Sicher kennen einige hier die Todesfuge. Es ist ein bekanntes Gedicht aus der Nachkriegszeit und sicher auch in vielen guten Deutschbüchern vertreten. Ich war Lyrik schon immer etwas zu getan, aber die Todesfuge von Celan hatte in mir damals zum ersten mal heftige Rührungen ausgelöst, eine tiefe Stimmung, die sich nur schwer mit Eigenschaftswörtern beschreiben lässt. Und das, ohne ein formelles oder augenscheinlich sehr rhythmisches/melodisches Gedicht zu sein. Dass das Gedicht durchaus eine Art Rhythmus besitzt, einen düsteren Singsang sozusagen, zeigt sich letztlich trotzdem - nur war es damals eine Überraschung für mich, da ich, plump gesagt, immer dachte, ein gutes Gedicht müsste sich auch reimen.

      Bis heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich dieses Gedicht lese oder vorgetragen bekomme. Der zweite Weltkrieg war mir als Thema in der Schule immer unlieb, nicht wegen der Inhalte, aber wegen der geradezu belästigenden, immerwährenden Präsenz. Das kennen sicher manche: Dass es einem schon aus den Ohren raushängt, und dass man sich fragt, ob es nicht sonst noch was an Weltgeschichte zu wissen gibt.

      Allerdings sticht für mich dieses Werk sehr hervor. Für jemanden aus unserer Generation ist es schwer, sich vorzustellen, wie die Leute damals gelebt haben, was sie durchgemacht haben, wie sich diese Zeit angefühlt hat.
      Man ist zwar vorsichtig, aber auch seltsam teilnahmslos, kann den Schrecken dieser Vergangenheit nie ganz nachvollziehen oder selbst spüren.
      Die Todesfuge durchbricht diese Grenzen für mich. Es ist ein sehr bildliches, sehr sinnliches Gedicht, das stark unter die Haut geht. Während es zunächst wirr erscheint, abstrahiert es jedoch nicht, sondern fügt einzelne Aspekte zu einem großen Bild, einer großen Empfindung zusammen, ohne wirklich abstrakt zu sein.

      Ich empfinde sehr große Ehrfurcht vor diesem Werk. Vor seiner Ehrlichkeit, vor seiner literarischen Stärke, und auch vor dem, was es in einem auslöst.

      Das mag natürlich alles eine sehr subjektive Erfahrung sein, aber so ist es eben. Ich finde es interessant zu hören, warum Menschen etwas bewegt, was sie an einem Gedicht bewegt oder fasziniert.

      Paul Celan - Todesfuge



      Paul Celan - Die Todesfuge


      Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
      wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
      wir trinken und trinken
      wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
      Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
      der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
      dein goldenes Haar Margarete

      er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
      er pfeift seine Rüden herbei
      er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
      er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

      Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
      wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
      wir trinken und trinken
      Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
      der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
      dein goldenes Haar Margarete
      Dein aschenes Haar Sulamith

      wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

      Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
      er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
      stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt weiter zum Tanz auf


      Milch der Frühe wir trinken dich nachts
      wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
      wir trinken und trinken
      ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
      dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

      Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
      er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
      dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

      Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
      wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
      wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
      der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
      er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
      ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
      er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
      er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
      Deutschland

      dein goldenes Haar Margarete
      dein aschenes Haar Sulamith




      Weitere Werke von Celan:


      [SPOILER=Selbdritt, Selbviert]



      Selbdritt, Selbviert

      Krauseminze, Minze, krause,
      vor dem Haus hier, vor dem Hause.

      Diese Stunde, deine Stunde,
      ihr Gespräch in meinem Munde.

      Mit dem Mund, mit seinem Schweigen,
      mit den Worten, die sich weigern.

      Mit den Weiten, mit den Engen,
      mit den nahen Untergängen.

      Mit mir einem, mit uns dreien,
      halb gebunden, halb im freien.

      Krauseminze, Minze, krause,
      vor dem Haus hier, vor dem Hause.


      [/SPOILER]



      Sprich Auch Du


      Sprich auch Du


      Sprich auch du,
      sprich als letzter,
      sag deinen Spruch.

      Sprich –
      Doch scheide das Nein nicht vom Ja.
      Gib deinem Spruch auch den Sinn:
      gib ihm den Schatten.

      Gib ihm Schatten genug,
      gib ihm so viel,
      als du um dich verteilt weißt zwischen
      Mittnacht und Mittag und Mittnacht.

      Blicke umher:
      sieh, wie’s lebendig wird rings –
      Beim Tode! Lebendig!
      Wahr spricht, wer Schatten spricht.

      Nun aber schrumpft der Ort, wo du stehst:
      Wohin jetzt, Schattenentblößter, wohin?
      Steige. Taste empor.
      Dünner wirst du, unkenntlicher, feiner!
      Feiner: ein Faden,

      an dem er herabwill, der Stern:
      um unten zu schwimmen, unten,
      wo er sich schimmern sieht: in der Dünung
      wandernder Worte.